Turmgeschichten (48)

Obschon es sich bei diesem Exemplar um einen «blossen» Treppenhausturm handelt, verdient er es, in diese Serie aufgenommen zu werden. Von der westlichen Einfahrt in die Davidstrasse markiert er linkerhand die Kopfseite des langgestreckten Backsteinbaus der ehemaligen Städtischen Lagerhäuser.

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Hinter Backsteinen ein einziger Rausch der Blüten im Lagerhaus-Turm an der Davidstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Hinter Backsteinen ein einziger Rausch der Blüten im Lagerhaus-Turm an der Davidstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Obschon es sich bei diesem Exemplar um einen «blossen» Treppenhausturm handelt, verdient er es, in diese Serie aufgenommen zu werden. Von der westlichen Einfahrt in die Davidstrasse markiert er linkerhand die Kopfseite des langgestreckten Backsteinbaus der ehemaligen Städtischen Lagerhäuser. Was in St. Gallen seit Jahren unter dem Sammelbegriff für Kunst und Gastronomie auf hohem Niveau gehandelt wird, diente zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ganz anderen Zwecken: Seit den 1870er-Jahren hatten sich die neuen Quartiere um die Davidsbleiche in Richtung Westen ausgedehnt. Die Stadt wuchs rasant; ein neuer Standort für die Errichtung eines Marktplatzes mit Markthalle war in diesem Quartier gar zur Diskussion gestanden, entsprechende Pläne später jedoch wieder verworfen worden. Gleichzeitig mit dem Bau der Güteranlagen durch die Vereinigten Schweizer Bahnen auf der Geltenwilenbleiche (wo heute das Kugl ums Weiterleben kämpft) errichtete das «Kaufmännische Directorium» an der Davidstrasse ein Städtisches Lagerhaus.

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Die Raumverhältnisse am Bahnhof liessen gegen Ende des 19. Jahrhunderts keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr zu. Und das 1863/64 erbaute Kornhaus an der gleichnamigen Strasse war 1885 bereits wieder abgetragen und auf der Kreuzbleiche als Militärmagazin erneut aufgebaut worden. Fünfzehn Jahre zuvor hatte dieses erste grössere Backsteingebäude der Stadt, verbunden mit einem Gleis zum Bahnhof, der Internierung von Soldaten der Bourbaki-Armee gedient. 45 Soldaten starben. Sie wurden alle auf dem katholischen Friedhof St. Fiden beigesetzt.

Die Dimensionen des Städtischen Lagerhauses, 1903 erbaut von Max Hoegger, lassen auf die Wichtigkeit der damals für Industrie und Transport eröffneten Strasse schliessen. Hoegger war, meist gemeinsam mit Alfred Müller, um die Jahrhundertwende Baumeister zahlreicher St. Galler Vorzeigebauten, sogenannter Wohnschlösser gewesen. Der Turm an der Davidstrasse erfüllt keine funktionelle Aufgabe, sondern setzt mit seiner markanten Ausrichtung einen wichtigen städtebaulichen Akzent. Das, schreibt Niklaus Ledergerber von der Denkmalpflege, zeige sich darin, «dass sich im Turm nicht etwa das Zimmer des Verwalters, sondern <nur> das Treppenhaus» befinde.

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Dennoch: Dieses Treppenhaus ist kein gewöhnliches. Wer nur schon den Mut hat, die erste beziehungsweise letzte Türe des langgestreckten Gebäudes zu öffnen und den Treppenturm zu betreten, erlebt seine blumigen Überraschungen. Hier nämlich setzt die Floristin und Blütenzauberin Marianne de Tomasini Schwizer Zeichen ihrer Kreativität.

Während sich hinter den weiteren Eingängen des Lagerhauses Welten der Kunst auftun – Kunsthalle St. Gallen, Museum im Lagerhaus, Galerie Paul Hafner sowie die Ateliers von zahlreichen Kunstschaffenden – widmet sich die Blumenkünstlerin ganz «versteckt» ihrem kreativen Schaffen und fällt kaum auf. Das sei ihr auch recht so, wie sie betont. In der Dachkammer, die ans Treppenhaus grenzt, weitet sich ihr Reich. Wo sich früher ein Schulraum der Gewerbeschule und später ein Nähatelier befand, stapeln sich Vasen, Gestelle, Kerzenständer, Blumen, Äste, Stengel, Holzstücke, Perlen, Federn, Blätter, getrocknete Knospen – ein Fundus schöpferischer Ausbeute, der sich, einzigartig arrangiert, der Ambiance eines bestimmten Ortes und den individuellen Wünschen ihrer Kundschaft angepasst, an zahlreichen Orten des öffentlichen Raumes, so etwa auch im Dekor des Café News manifestiert.

In ihr Vestibül der Sinne lädt die Floristin auch etwa Kinder, um eingebettet in eine Zauberwelt des «Blütenrausches» einer Märchenerzählerin zu lauschen. Da möchte man doch zu gerne selber wieder auf Kindsgrösse schrumpfen…

Brigitte Schmid-Gugler

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