Turmgeschichten (45)

Das Wohnschlösschen, bisweilen auch als «Türmlihuus» bezeichnet, hat Albert Grüebler anno 1905 erstellt. Der Aufbau ist identisch mit dem Fehr'schen Schlössli am Höhenweg (Turmgeschichte 10). Wie jenes aus dem 16.

Drucken
Teilen
Inmitten eines Neubauquartiers: Das liebevoll restaurierte «Wohnschlösschen» mit Türmchen an der Oberstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Inmitten eines Neubauquartiers: Das liebevoll restaurierte «Wohnschlösschen» mit Türmchen an der Oberstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Das Wohnschlösschen, bisweilen auch als «Türmlihuus» bezeichnet, hat Albert Grüebler anno 1905 erstellt. Der Aufbau ist identisch mit dem Fehr'schen Schlössli am Höhenweg (Turmgeschichte 10). Wie jenes aus dem 16. Jahrhundert stammende Prunkstück, eben erst vom Institut am Rosenberg saniert und vergrössert worden, verfügt auch die kleinere Villa in der Nähe des Bahnhofs Haggen über seitliche Erkertürmchen und Sichtfachwerk in alt-st. gallischem Stil.

Eine interessante Parallele ergibt sich mit dem Seitenblick auf das im gleichen Baujahr entstandene Wohn- und Geschäftshaus an der Stationsstrasse 6 und 8 vom gleichen Baumeister für denselben Auftraggeber mit einem ebenso auffälligen Sichtbackstein-Eckturm. Bauherr Sebastian Eigenmann, ein Jurist, musste gute Erfahrungen gemacht haben mit dem Architekten, hatte er doch bereits zwei Jahre zuvor, 1903, von ihm an der Zürcherstrasse 238 anstelle des alten Riegelhauses Engel das Gasthaus Hirschen mit Konzert- und Musiksaal planen und erstellen lassen.

*

Arnold Billwiller, der 1878 den Schützengarten von seinem Vater David übernommen hatte, liess 1918 im Parterre und im ersten Stock dieses Gebäudes Schulzimmer einbauen.

Doch zurück an die Oberstrasse 273, die später einem Pfarrer aus Heiden gehörte – bis Albert Räss zu Ohren kam, dass das Haus zu haben wäre. Er arbeitete damals schon viele Jahre als Angestellter bei der SBB und beantragte bei seinem Arbeitgeber einen Baukredit, der ihm jedoch nicht gewährt wurde. Als 12-Jähriger war er von seiner Familie, die im innerrhodischen Eggerstanden kaum genug hatte, um die Schar Kinder durchzubringen, weggekommen, hatte bei einem Bauern und später bei zahlreichen anderen sein Brot verdient und dabei seinen Meistern gut auf die Finger geschaut. Dabei lernte er, wie sich mit der Zucht und dem Handel von ein paar schönen Kühen ein Batzen dazu verdienen lässt. Und für seine Spezialität, das Klauenschneiden, war er in der ganzen Ostschweiz bekannt und wurde gern gerufen.

All diese Beziehungen halfen ihm, da und dort ein kleines Darlehen zu erbitten. 1963 konnte er die Liegenschaft an der Oberstrasse übernehmen und mit seiner Familie einziehen. Nach und nach liess er das damals ziemlich heruntergekommene denkmalgeschützte Haus sanieren, so liebevoll und achtsam, dass es ihm 1976, als die Aussenrenovation abgeschlossen war, gar einen Artikel in der Zeitung einbrachte. «Aus dem hässlichen Entlein hat sich ein stolzer Schwan entwickelt», hiess es etwa, und weiter unten holt der Autor zu einem beinahe wagnerischen Paukenschlag aus, wenn er schreibt: «Wenn man heute den Riegelbau betrachtet, so fährt es einem kalt den Rücken hinunter, wenn man bedenkt, dass dieses Haus auch brutal <verremodernisiert> hätte werden können.»

*

Weil weder der Heimatschutz noch die Denkmalpflege bereit waren, einen Zustupf an die Renovation zu bezahlen, habe man ihm der geringeren Kosten wegen geraten, auf die beiden Turmspitzen billige Kugeln zu setzen, wird Albert Räss in jenem Artikel zitiert. «Aber ich frage Sie, wie hätte das ausgesehen, wenn statt der feinen Spitzen nun plötzlich grobschlächtige Kugeln die Türmli zierten? Da habe ich halt nochmals tief ins Portemonnaie gegriffen.»

Ja, wie sähe das denn aus? Der Hausbesitzer ist auch heute noch stolz auf seine Entscheidung, bei den Türmchen keine Kompromisse gemacht zu haben, welche die Historizität des Gebäudes unterstreichen und sich in dem sich stark veränderten Quartier angenehm herausheben. Die beiden Türmli beherbergen die Schätze von Albert Räss' bäuerischer Herkunft und Leidenschaft und – von den Auszeichnungen, die er an Viehschauen für seine Tiere erhalten hat, bis zum geschnitzten Alpaufzug. Brigitte Schmid-Gugler

Aktuelle Nachrichten