Turmgeschichten (41)

Das Objekt der Begierde wäre der an der Nordostflanke des Doppelhauses aufragende runde Turmbau mit der Zwiebelhaube gewesen.

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Schwebend über den Dächern der Altstadt: Der Turm an der Felsenstrasse 20. (Bilder: Michel Canonica)

Schwebend über den Dächern der Altstadt: Der Turm an der Felsenstrasse 20. (Bilder: Michel Canonica)

Das Objekt der Begierde wäre der an der Nordostflanke des Doppelhauses aufragende runde Turmbau mit der Zwiebelhaube gewesen. Da sich jedoch die dortige Hausgemeinschaft – es handelt sich um Stockwerkeigentümer – nicht auf einen «Turmkonsens» einigen konnte und sowieso keinen Einblick auf das sich anscheinend im Turmzimmer türmende Gerümpel gewähren wollte, nehmen wir halt den Turm auf der westlichen Seite.

Auch ein Schmuckstück. Die seitlichen Fenster geben den Blick frei auf eine Fassade, deren Farbe mit dem kletternden Wein um die Wette rötelt.

Nach Norden gleitet das Auge fadengerade hinunter aufs riesige ausladende Dach der Kathedrale. Wie ein fliegender Webteppich liegt es da, seine «Fransen» lecken an den angrenzenden Altstadthäusern, umgarnen flirtend die südlich gelegene Kirche St. Laurenzen.

Johann Christoph Kunkler, der diese anno 1849 nach den Plänen des früh verstorbenen Johann Georg Müller restaurierte, ein knappes Vierteljahrhundert später den Bau des Kunstmuseums in Angriff nahm und diesen 1877 vollendete, erstellte zwischenzeitlich, nämlich 1874, unweit von hier die «Villa Fels»; sie wurde 1958 abgerissen.

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Wie die meisten Bauten dieser Häuserzeile an der Felsenstrasse wurde auch die Nummer 20 zwischen 1896 und 1905 von den Architekten Scheier & Dürtscher erbaut. Die beiden Bauherren waren auf Stadtgebiet äusserst aktiv, sie erstellten auch das bauhistorisch wichtige «Castelletto» im kubisch-italienischen Palazzo-Stil am gegenüberliegenden Hang.

Die Felsenstrasse gehört zum steil abfallenden Bernegghügelzug aus Meeresmolasse, durchzogen von etwa zwanzig Nagelfluhbänken, deren instabile Konsistenz schon manchem Baumeister schlaflose Nächte bereitete. Im Buch «Ortsbilder und Bauten» von Jost Kirchgraber und Peter Röllin sind der Hang, der sich von der Falkenburg keilförmig gegen den Klosterbezirk hinzieht, und insbesondere das langgestreckte Quartierband Felsenstrasse ausführlich beschrieben. 1982 entstand hier die erste Wohnstrasse auf St.

Galler Stadtgebiet, und bis heute ist die verkehrsberuhigte Strasse ein äusserst beliebtes, lebendiges Wohnquartier. Im Gegensatz zur sonnigen Rosenbergseite sei der Bernegghügel vor und um die Jahrhundertwende für «dichte und ausnützungsstarke Überbauungen freigegeben worden.

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«Die kleinen und grossen stereotypen Mietblöcke stehen denn auch wie Eisenbahnzüge über den Handels- und Bahnhofquartieren», schreiben die beiden Autoren. Vor 18 Jahren erwarben zwei Familien das Haus mit dem eckigen Turm.

Die vier Geschosse wurden auf die zwei Wohnparteien verteilt. Zu Beginn dieses Jahres wechselte das Turmzimmer die Hand – der frühere Inhaber übergab es seinem Hausmitbesitzer, dem Künstler Hans Thomann, der nun hier sein Büro eingerichtet hat. Zwei Stufen führen auf eine kleine «Empore», zu deren Füssen sich die Stadt ausrollt.

Hier wird gezeichnet und getüftelt – nicht selten an Konzepten, die man später als umgesetzte Kunst am Bau im öffentlichen Raum wiederfindet.

Brigitte Schmid-Gugler