Turmgeschichten (35)

Es könnte ja sein, dass Gustav Adolf Müller mit dem Bau der Nummer 4 (Turm 34, Ausgabe vom 19.4.) dem bereits vier Jahre zuvor erstellten Nachbar-Wohnschlösschen Nummer 6 an der Stauffacherstrasse den Rang ablaufen wollte.

Merken
Drucken
Teilen

Es könnte ja sein, dass Gustav Adolf Müller mit dem Bau der Nummer 4 (Turm 34, Ausgabe vom 19.4.) dem bereits vier Jahre zuvor erstellten Nachbar-Wohnschlösschen Nummer 6 an der Stauffacherstrasse den Rang ablaufen wollte. Die herrschaftliche Villa im Genre der deutschen Renaissance dürfte zumindest eine Herausforderung gewesen sein, stand doch zu allen Zeiten gerade beim Begriff Architektur oft das «Ringen um «Geltungsmacht und Definitionshoheit» im Vordergrund, wie Michel Foucault schreibt.

Erbaut hatte die Villa Adolf Ehrensperger im Jahr 1899, der unter anderem das Zeughaus an der Burgstrasse und im Auftrag des damaligen kantonalen Elektrizitätswerkes (heute St. Gallisch-Appenzellische Kraftwerke) gemeinsam mit Ludwig Kürsteiner das zweifellos markanteste «Baudenkmal» seines Schaffens erstellte: das in verschiedenen Bauetappen zwischen 1896 und 1915 entstandene Kubelwerk in der Sitterschlucht, welches die Stadtbewohner endlich mit der lange ersehnten Elektrizität versorgen konnte.

1897 war die erste elektrische Trambahn auf Probefahrt geschickt, Ende Mai die ersten zehn «öffentlichen Bogenlampen zu 16 Ampères» in der Stadt angezündet und im gleichen Jahr die Anschaffung einer «Elektrischen Schneefegemaschine» beschlossen worden. Adolf Ehrensperger dürfte bei diesen epochalen Errungenschaften an vorderster Front mitgewirkt haben, amtierte er doch zwischen 1897 und 1920 als St. Galler Kantonsbaumeister.

*

Ob er auch gleich beim Einzug in seine Villa an der Stauffacherstrasse 6 das Licht anknipsen konnte? Immerhin dürfte er von seinem am südöstlichen Teil des Hauses angebrachten Turm Zeuge davon gewesen sein, wie auf dem Nachbargrundstück, diesmal an der südwestlichen Ecke, ebenfalls ein Turm gen Himmel wuchs, so, dass sich auch heute noch die Nachbarn von Turm 4 und 6 gegenseitig auf Augenhöhe «beturmen» können.

Was der heutige Bewohner der Nummer 6, Gaudenz Weber, bestätigt. Es bleibe ihm gar nichts anderes übrig und sei keinesfalls unhöflich gemeint. Doch wenn er in seinem zum Büro umfunktionieren Turmzimmer sitze und gerade nicht in den Computerbildschirm, sondern aus dem Fenster blicke, sehe er auf direkter Augenhöhe die schwebende, allerdings meist verwaiste Schaukel der Nachbarin, welche diese Aussage umgehend dementiert: Der Nachbar schaue nur immer zur falschen Zeit aus dem Fenster, sie benütze den Sessel sehr oft. So ist das halt zwischen Turm- und anderen -bewohnern.

*

Die Musik, welche früher hauptsächlich im Haus Nummer 4 praktiziert wurde, hat sich nunmehr ein Haus weiter verlegt: Gleich zwei Söhne von Gaudenz Weber und Kerstin Frind studieren Musik; in dem zum Mehrfamilienhaus umgebauten ehemaligen Wohnschlösschen wird oft geübt. An den Wänden hangen schwungvoll hingeworfene Kohleskizzen des St. Galler Künstlers Karl Fürer. Der Eindruck eines Tanzes täuscht nicht, wie Gaudenz Weber bestätigt.

Seine Mutter, die Tänzerin und Choreographin Margrit Weber-Meili, hat ihrem Sohn die Bilder geschenkt.

Dieser kehrte vor drei Jahren mit seiner Familie von Berlin nach St. Gallen zurück; seine als Pflegefachfrau tätige Partnerin habe hier die besseren Berufschancen. Und zu guter Letzt: Sie arbeitet im gleichen Gesundheitsbetrieb sowohl wie die Hausbesitzerin als auch wie die Bewohnerin des Nachbar-Turmes. (Turm-)Verwandte im Geiste…

Brigitte Schmid-Gugler

Zeig mir Deinen Turm, und ich sage Dir, wer Du bist. Turm-Nachbarschaften an der Stauffacherstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Zeig mir Deinen Turm, und ich sage Dir, wer Du bist. Turm-Nachbarschaften an der Stauffacherstrasse. (Bilder: Ralph Ribi)