Turmgeschichten (31)

Buzzi gab Guzzi beim Bauen. Er stand an vorderster Front der St. Galler Baumeister und war unter anderem an der Lustgarten- und Rosenbergstrasse aktiv; an letzterer baute er als Anspielung auf den Bauherrn Ludwig Geduldig das Haus «Zur Geduld».

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Trudel durfte nicht mehr lachen im Turm an der Gottfried-Keller-Strasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Trudel durfte nicht mehr lachen im Turm an der Gottfried-Keller-Strasse. (Bilder: Ralph Ribi)

Buzzi gab Guzzi beim Bauen. Er stand an vorderster Front der St. Galler Baumeister und war unter anderem an der Lustgarten- und Rosenbergstrasse aktiv; an letzterer baute er als Anspielung auf den Bauherrn Ludwig Geduldig das Haus «Zur Geduld». Er erstellte an der Felsenstrasse neubarocke Wohnhäuser, eine Villa an der Oberstrasse, an der Neugasse die Geschäftshäuser «Zur Treue» und den italienisch anmutenden Würfelbau an der Ekkehardstrasse 1/3.

Im Jahr 1905 entstanden drei aneinandergebaute Häuser an der Notkerstrasse, wo sich die Crème de la Crème der Architekten um die Jahrhundertwende einen Wettbewerb im Bau um die repräsentativsten Stadthäuser zu liefern schienen. Die Hausnummern 14 bis 16 dürften zu den wichtigen Würfen in Buzzis Karriere gehört haben: Das Haus ist bis heute ein Paradebeispiel der damaligen Stadtvillen-Bauweise und zeichnet sich aus durch ihren Ziegelbau und die Jugendstil-Lukarnen sowie den erhaltenen Fensterrahmenschmuck in barocken als auch in gotisch gehaltenen Mustern.

Für die Malereien im Treppenhaus der Hausnummer 16 beauftragte Buzzi die vor siebzig Jahren verstorbene St. Galler Kunstmalerin Hedwig Scherrer. Ihr eigenes berühmtes Atelierhaus am Montlingerberg war im vergangenen Jahr Teil der Ausstellung bei Kultur im Bahnhof. Das Historische und Völkerkundemuseum wird ihr noch vor Jahresende unter dem Titel «Eine Künstlerin zwischen Jugendstil und Symbolismus» eine Ausstellung ausrichten.

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Cyrin Anton Buzzi lebte von 1849 bis 1927; in einer wirtschaftlich blühenden St. Galler Zeit also. Kein Wunder, dass er diesem Hochgefühl auch privat ein Zeichen setzen wollte. 1907/08 entwarf und baute er die «Rotfluh», ein bis heute herausragender burgähnlicher Bau mit roter Sockelverkleidung und gleichfarbenem Fachwerk in der Dachzone, Söllerturm und marmornen Allegorien auf der gegen die Stadt hin angebauten Terrasse an der Gottfried-Keller-Strasse. Diese war in den gleichen Jahren angelegt worden.

Auf alten kolorierten Panoramabildern aus jener Zeit ist ein zweites, von der Schneebergstrasse zugängliches, ebenfalls von Buzzi gebautes Haus sichtbar. Die beiden Gebäude stehen wie zwei Solitäre in dem damals ansonsten noch vollkommen unüberbauten Hang an der Bernegg. Es heisst, Buzzi habe die «Rotfluh» für seine Tochter gebaut, welche einen Textilfabrikanten namens Wirth heiratete.

Der Sohn des Ehepaares starb als Kind; Trudel, die Tochter, bekam den anscheinend unauslöschbaren Schmerz ihrer Eltern zu spüren. In der «Rotfluh» habe nicht mehr gelacht werden dürfen, Trudel musste gar aufs Klavierspielen verzichten. Deren liebster Verwandter sei ihr Grossvater gewesen – Cyrin Anton Buzzi, den sie noch im hohen Alter, als sie von der «Rotfluh» in die Kursana Residenz gezogen war, noch ihren «Paparli» nannte, wie eine ehemalige Betreuerin erzählt.

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Trudel Wirth, tätig gewesen als Berufsberaterin für Mädchen, war ledig und bis zu ihrem Tod im Jahr 2003 eine Einzelgängerin geblieben. In den 1930er-Jahren hatte sie als Alleinerbin die «Rotfluh» verkauft; vor 15 Jahren ging die Liegenschaft, welche hangseits mit der instabilen Nagelfluh zu kämpfen hatte, an den St. Galler Immobilienhändler Fredi Brändle.

Er sanierte das Haus und baute zusätzliche Wohnungen ins Tiefparterre und ins frühere Mansardengeschoss. Auf dieser Höhe befindet sich die nicht ausgebaute Haube des wuchtigen Turmes an der nordwestlichen Flanke. Eine zusätzlich eingebaute Treppe führt von hier auf die Dachterrasse. Einmal mehr bleibt das Auge hängen an der aufgefächerten Vermessung der St. Galler Baugeschichte.

Brigitte Schmid-Gugler

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