Tschechisches Quartett in St.Gallen:
Modern, aber mit böhmischer Wärme

Auf höchstem Niveau: Das Bennewitz Quartett war mit Beethoven und Dvořák zu Gast in der St.Galler Meisterzyklus-Reihe.

Martin Preisser
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Das tschechische Bennewitz Quartett.

Das tschechische Bennewitz Quartett.

Bild: Kamil Ghais

Das technische und interpretatorische Niveau in der internationalen Streichquartettszene ist heutzutage extrem hoch. Da macht auch das tschechische Bennewitz Quartett (mit Jakub Fišer, Štěpán Ježek, Jiři Pinkas und Štěpán Doležal) keine Ausnahme. Zum allerhöchsten Standard gesellt sich allerdings bei diesem Quartett immer ein wie in die straffe, klare, moderne Klangsprache eingewobener subtiler warmer Tonfall, an dem man die böhmisch-tschechische Streichquartett-Ästhetik heraushören mag, die das Quartett durchaus auch vertritt.

Dieser Zugang kommt den Werken des Abends zugute. Zuerst in Dvořáks letztem Streichquartett Nr. 13, op. 106. So zerrissen wie dieses Meisterwerk startet wohl kein anderes Quartett des böhmischen Meisters.

Dvořáks kantiges, schrofferes Spätwerk

Lange, schwelgerische Melodien wie etwa im «Amerikanischen Quartett» sucht man vergebens. Alles wirkt kantiger, ja schroffer. Das Naturnahe und Folkloristische von Dvořáks Musik ist viel mehr in anspruchsvolle, kleinräumige motivische Arbeit verpackt. Diesen Zug ins Moderne, ja teilweise fast Experimentelle stellen die Herren des Bennewitz Quartetts hervorragend präzis und transparent dar. Und versuchen dort, wo es rau wirkt, gar nichts zu glätten.

Und doch ist da immer dieser böhmisch-warme, elegante Unterton, den das Quartett dem kompositorischen Geschehen subtil unterlegt. Moderne und Tradition scheinen in spannender Balance auf. In allen vier Sätzen legt das Quartett etwas in Dvořáks Tonsprache offen, das schon fast an Janáček gemahnt. Die Details nimmt das Bennewitz Quartett genau und extrem gut nachvollziehbar unter die Lupe und verliert dabei nicht die grosse Architektonik.

Auch für Beethovens spätes Streichquartett Nr. 15, op. 132, kommt dem Bennewitz Quartett die Fähigkeit zugute, taufrisch und sehr konzentriert die bis heute unerhört modernen und anspruchsvollen Ideen Beethovens umzusetzen. Der späte Beethoven ist auch für ein hochkarätiges Streichquartett ein Prüfstein. Hier zwischen Intimität und orchestral Gedachtem, zwischen musikantisch und hintergründig-rätselhaft Empfundenem genau zu changieren, macht dabei den Erfolg aus.

Beethovens Dankgesang leicht angeraut

Diese Ebenen leuchtet das Quartett überzeugend aus, mit Klangfarben, die diesen unterschiedlichen interpretatorischen Herausforderungen Rechnung tragen. Auch der berühmte dritte Satz, Beethovens «Heiliger Dankgesang» für seine Genesung, kommt nicht einfach als satter Schönklang daher, sondern mit einer spannend angerauten Patina. In seiner unaufdringlichen Eindringlichkeit bekommt der Satz unter dem Strich der vier Bennewitz-Herren etwas leicht Schwebendes.

Die Zugabe mit einem Tango von Erwin Schulhoff kann nur Nachdenklichkeit auslösen. Das ist wunderbar reife Musik, aber das ist Musik von Komponisten, deren Weg von der Nazi-Herrschaft brutal abgekürzt wurde. Schulhoff starb im Internierungslager, drei seiner tschechischen Kollegen (Victor Ullmann, Pavel Haas und Hans Krasa) verloren ihr Leben in Auschwitz. Sehr verdienstvoll, dass sich das Bennewitz Quartett dieser Musik auch auf einer prämierten CD engagiert annimmt.