TRUSTED TRAVELLER: Die Paranoia ist grenzenlos

Die Welt, die Yuri Pattison in der Kunsthalle St. Gallen entwirft, ist trügerisch. Was ist echt, was nur simuliert? Gemütlichkeit kommt in dieser Ausstellung, wo dauernd überwacht und manipuliert wird, keine auf.

Christina Genova
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Die Monitore des «Crisis Trolley» zeigen es an: Die Besucher der Kunsthalle werden mit Kameras und Mikrofonen überwacht. (Bild: Ralph Ribi)

Die Monitore des «Crisis Trolley» zeigen es an: Die Besucher der Kunsthalle werden mit Kameras und Mikrofonen überwacht. (Bild: Ralph Ribi)

Man hat es geahnt: In dieser Ausstellung bleibt keiner unbeobachtet. Noch schlimmer, nicht nur Kameras, sondern auch Mikrofone registrieren alles, was die Besucher von Yuri Pattisons unterkühlter schöner, neuer Welt in der Kunsthalle St. Gallen sagen und tun. «Trusted Traveller» (vertrauenswürdiger Reisender), der Titel der Einzelausstellung des in London lebenden Iren, führt offensichtlich in die Irre.

Dargestellt werden die Bilder und Gespräche der Besucher auf einem sogenannten Crisis Trolley, einem Rollwagen mit fünf Monitoren und zwei Überwachungskameras. Solche kamen ursprünglich auf Flughäfen in Krisensituationen zum Einsatz und zeigen den Passagieren Abflugzeiten und Nachrichten aus aller Welt. Mittlerweile gehören sie vielerorts zum Standardinventar – die Krise wird zum Alltag. Der Wunsch nach maximaler Kontrolle und minimalen Risiken kollidiert mit jenem nach Freiheit und Überwindung aller Grenzen – Flughäfen sind die Kristallisationspunkte dieser Widersprüche, Orte wo sich unsere Verletzlichkeit besonders manifestiert.

Weltbürgerpass und Tarnpässe

Für unbeschwertes Reisen braucht man auch in einer globalisierten Welt noch den richtigen Reisepass samt biometrischer Daten. Denn kommt man aus Syrien oder Somalia, ist es mit der grenzenlosen Reisefreiheit nicht weit her. Einen Gegenentwurf zum Nationalstaat entwickelte Garry Davis in den 1950er-Jahren. Er verzichtete auf seine US-Staatsbürgerschaft und gab einen Weltbürgerpass heraus. Bis heute wird dieses nichtoffizielle Reisedokument Flüchtlingen und Staatenlosen ausgestellt. Neben dem Weltpass befinden sich auch mehrere Tarnpässe in der Ausstellung. Sie werden im Namen von Ländern ausgestellt, die nicht (mehr) existieren, darunter die Westsahara oder Sansibar. Diese nichtanerkannten«Camouflage Passports» werden zum Beispiel von Amerikanern erworben, die befürchten, aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft zur Zielscheibe von Terroristen zu werden.

Doch um die Welt zu erkunden, ist es gar nicht nötig, die Kunsthalle zu verlassen. Abgeschirmt durch die hohen Lehnen eines Sessels, der in Grossraumbüros konzentriertes Arbeiten ermöglicht, sieht man filmische Rundgänge durch zwei Modellparks. Es ist eine konstruierte Welt, skaliert im Massstab eins zu dreissig: So stehen im Themenpark von Tinugawa in Japan zwar die Figuren von Donald, Melania und Barron Trump vor dem Weissen Haus, in New York sind die Twin Towers jedoch intakt belassen worden. Die Welt da draussen bleibt jedoch nicht ganz aussen vor: Ein Newsticker mit einer computergenerierten Mischung aus Real News und Fake News läuft über den Bildschirm.

Die Welt, die Yuri Pattison entwirft, ist beherrscht von ausgeklügeltem Mimikry. Permanent werden wir getäuscht und manipuliert: Über handelsübliche Lautsprecher, die wie Steine aussehen, hören wir Stadtgeräusche aus einem Youtube-Video. Es hilft all jenen beim Einschlafen oder beim konzentrierten Arbeiten, denen die Stille unangenehm ist.

Weisses Rauschen

Einen ähnlich beruhigenden Effekt haben auch die unscheinbaren Lautsprecher, die in der ganzen Ausstellung «White Noise», weisses Rauschen, verbreiten. Der kaum wahrnehmbare Soundteppich fördert erwiesenermassen das Wohlbefinden und wird in Büros oder Shoppingzentren angebracht, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Zur optimierten Umgebung des rastlosen Arbeitsnomaden gehören auch LED-Lampen, die natürliches Licht simulieren, nur dass die Sonne in allzu schnellem Rhythmus auf- und untergeht. Wachsendes Unbehagen stellt sich ein, denn Pattison wirft Fragen auf, die uns alle beschäftigen: nach der Sicherheit in einer zunehmend unsicheren Welt, in welcher die Grenzen zwischen Realität und Simulation zunehmend verwischen.

Kunsthalle St. Gallen, bis 6.8.

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