Trotz allem der Himmel

LESBAR OSTEUROPA

Erika Achermann
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Bild: Erika Achermann

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LESBAR OSTEUROPA

Wir kennen alle das «Tagebuch der Anne Frank», aber wer kennt den Namen eines jugendlichen Opfers aus Osteuropa, dem ebenso die Jugend gestohlen wurde? Die stalinistische Zensur hat fast alle Dokumente vernichtet. «Aber der Himmel – grandios» ist jetzt von Vytene Muschick ins Deutsche übersetzt worden. Die Autorin, Dalia Grinkeviciuté, wurde 1940 als 14-Jährige zusammen mit ihrer Familie von Litauen in den hohen Norden Sibiriens deportiert, wo sie Holzstämme schleppte, in Nässe und Kälte überlebte. Ihre Aufzeichnungen wurden gerettet. Denn sie konnte 1949 aus der Verbannung fliehen und nach Litauen zurückkehren, wo sie hastig diese berührenden Texte schrieb, bevor sie 1950 wieder verhaftet wurde. Es ist fast nicht zu glauben, dass diese junge Frau die Torturen überlebte und dabei noch einen Blick für die Schönheiten der Natur hatte und notieren konnte: «Ich bewundere Menschlichkeit und die Schönheit des Geistes…» Sie erinnert sich während der elenden Zeit an schöne Zeiten zu Hause, als ihr Vater sagte: «Das Leben, Dalia, besteht nicht nur aus angenehmen Dingen… Und eines möchte ich dir ans Herz legen, mein Mädchen – verkaufe nie dein Gewissen.» «Aber der Himmel – grandios» sollte nicht nur in Litauen Schullektüre sein.

Dalia Grinkeviciuté: Aber der Himmel – grandios, Nachwort von Tomas Venclova, Matthes & Seitz 2014, 206 S., Fr. 27.90

Liebe, Drogen, Krieg

Der Roman «Morphin» des 35jährigen Szcepan Twardoch spielt im Herbst 1939 in Warschau, gleich nach der Kapitulation der Polen nach dem Einmarsch der Deutschen. Im Mittelpunkt steht der demobilisierte Reserveoffizier Konstanty Willemann, der mit dem Schock der Niederlage fertig werden muss und durch die zerbombte, soeben noch blühende Stadt streift. Denn bisher hat der 30-Jährige sich als Frauenheld, Bonvivant mit Kokain durch Leben gefeiert. Zum Helden taugt er nicht: «Warum bin ich ein Mistkerl, ein Schwein, eine moralische Null, ein gemeiner Hund … ich trinke, berausche mich…». Doch dann schliesst er sich dem Widerstand an, wagt immer riskantere Aktionen. Szcepan Twardoch beschreibt die dekadente Warschauer Gesellschaft in einem expressiven Stil, der an die polnischen Dichter Witkacy und Witold Gombrowicz erinnert. Der Roman ist in Polen ein Bestseller. Übersetzt hat ihn Olaf Kühl.

Szcepan Twardoch: Morphin, Rowohlt Berlin 2014, 592 S., Fr. 36.90

roBerlin_Broschur_Twardoch_LEX_Mattf_LT_3.indd (Bild: Erika Achermann)

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