Trostlos traumschön rauscht der Regen: Max Frischs «Der Mensch erscheint im Holozän» am Schauspielhaus Zürich

Max Frischs Parabel auf den Tod, «Der Mensch erscheint im Holozän», wird am Schauspielhaus Zürich zum düsterschönen Bilderreigen. Bei Regisseur Alexander Giesche wird Frischs Text zum Bild gewordenen Gedicht.

Julia Nehmiz
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Die Natur existiert nicht mehr: Wandern wird zum Kinderspiel über Tisch und Tablett.

Die Natur existiert nicht mehr: Wandern wird zum Kinderspiel über Tisch und Tablett.

Bild: Zoe Aubry

Und dann prasselt der Regen auf die Bühne. Gischt spritzt hoch, ein Wasservorhang ergiesst sich aus dem tiefhängenden Portal, als hätten sich die Himmelsschleusen aufgetan. Dabei gibt es keinen Himmel mehr.

Wie es auch keine Natur mehr gibt. Der Regen fällt, platscht, trommelt, es giesst, es schüttet, ästhetisch ausgeleuchtet im Flackern der Stroboskope. Wummernde Rhythmen dazu, Gewitter als Event.

Eine Frau und ein Mann stehen hinter diesem dichtprasselnden Regenvorhang, staunend greifen sie in die Wasserwand, ziehen Schuhe und Jacken aus, und stellen sich in die künstlich erzeugte Naturgewalt.

Choreografie aus Licht und Wasser: Alexander Giesche lässt den Regen ästhetisch und wild auf die Bühne prasseln.

Choreografie aus Licht und Wasser: Alexander Giesche lässt den Regen ästhetisch und wild auf die Bühne prasseln.

Bild: Zoe Aubry

Es sind starke Bilder wie diese Wasser-Licht-Choreografie, mit denen Alexander Giesche «Der Mensch erscheint im Holozän» inszeniert. Max Frischs Erzählung feierte am Donnerstag als «Visual Poem» Premiere im Schauspielhaus Zürich; mit diesem Begriff bezeichnet Giesche seine Inszenierungen: Und es sind wirklich Bild gewordene Gedichte.

Es gibt kein Entrinnen vor dem Verfall

Alexander Giesche nimmt Frischs Erzählung, kürzt sie sanft, lässt eine Frau und einen Mann sprechen (Karin Pfamatter und Maximilian Reichert), dialogisch, monologisch, und stellt Frischs glasklarer Sprache ganz eigene Bilderwelten gegenüber.

Bei Frisch folgt man eng Herrn Geiser, der nach einem Erdrutsch im abgelegenen Tessiner Bergdorf von der Aussenwelt abgeschnitten verharrt und fürchtet, dass durch den tagelangen Regen ein Bergrutsch noch das ganze Dorf verschütten könnte. Und er fürchtet, sein Gedächtnis zu verlieren, deswegen schneidet Herr Geiser Wissen aus dem Brockhaus und pinnt es an die Wände. Doch es gibt kein Entrinnen vor dem Verfall.

Bei Giesche hat der Verfall schon stattgefunden. Der Abend beginnt im Foyer, eine Kinderstimme erzählt durch Lautsprecher, wie das Dorf unversehrt steht, wie ein träger Sommertag darüberzieht. Alles in allem ein grünes Tal, waldig wie zur Steinzeit. Es ist das Ende von Frischs Erzählung. Die Geschichte hat bereits stattgefunden.

Die Geschichte ist auserzählt, schon mit der ersten Szene

Wenn sich dann der Vorhang im Pfauen hebt, wähnt man sich in einer apokalyptischen Zukunft: Ein grosser Felsblock in der Bühnenmitte, langsam dreht er sich, jemand wickelt ihn in schwarze Folie ein, wie wenn er konserviert werden soll. Ein Mann im unförmigen Schutzanzug erzählt von der verlorenen Welt, die eingepackt wird.

Mit diesem Bild ist klar: Die Welt, unsere Welt, gibt es nicht mehr. Erzählungen über schwarze Täler im Schnee, über trockene Felsen, gefrorene Erde, sind nur mehr Erinnerung.

Maximilian Reichert und Karin Pfamatter stemmen sich dem Sturm aus der Windmaschine entgegen.

Maximilian Reichert und Karin Pfamatter stemmen sich dem Sturm aus der Windmaschine entgegen.

Bild. Zoe Aubry

So poetisch und spektakulär Giesche Max Frischs Erzählung danach noch in Bilder umwandelt: eine Steigerung ist nicht mehr möglich. Die Geschichte ist auserzählt, schon mit der ersten Szene: Natur gibt es nur noch künstlich und in der Erinnerung, wenn sie sich im Erzählen manifestiert.

Den Sturm erzeugt eine monströse Windmaschine. Der Regen prasselt maschinell. Und selbst Wandern kann man nur noch im Spiel, nicht in echt: eine Kindergruppe stürmt das Schauspielhaus, die Bühne wird zum Parcours, der Boden ist der Abgrund, nur Tische und Stühle, Tabletts und Einkaufswagen bieten Schutz.

Ein Leichentuch bedeckt die Überbleibsel der modernen Welt

Giesche wiederholt seine Aussage, einfach in verschiedenen Varianten. Doch ihm gelingt es, mit all seiner Bildgewaltigkeit auch die Sprache wirken zu lassen. Er breitet Max Frisch einen Interpretationsteppich aus.

Karin Pfamatter greift Frischs Worte präzise, lässt ganze Landschaften entstehen. Mal ist sie die demente Patientin, die nach Erinnerung sucht, dann klare Erzählerin, die bestimmt, wo es langgeht. Ihre Stimme umschmeichelt einen, kristallklar stehen die Sätze im Raum.

Verloren im Nebel, doch sie haben sich und die Erinnerungen: Karin Pfamatter und Maximilian Reichert.

Verloren im Nebel, doch sie haben sich und die Erinnerungen: Karin Pfamatter und Maximilian Reichert.

Bild: Zoe Aubry

Die Parabel übers Vergessen und Vergehen, Alexander Giesche hat sie in trostlos-traumschöne Bilder übersetzt. Die Natur braucht keine Namen, die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht, lässt Frisch Herrn Geiser erkennen.

Bei Giesche ziehen Karin Pfamatter und Maximilian Reichert am Ende ein Leichentuch über die Überbleibsel der modernen Welt. Dinosaurier, Baumstamm, Rollstuhl oder Tisch – alles deckt die schwarzglänzende Plastikfolie zu. Bis ein neuer Mensch erscheint.

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