Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Triumph des Surrealismus

Ausstellung Max Ernst war ein Maler, der sich ständig neu erfand. Seine Retrospektive in der Fondation Beyeler ist eine Schau der Superlative – und ein Triumph für den umstrittenen Kunstexperten Werner Spies. Florian Weiland
Hat die Ausstellung mitkonzipiert: Kunstexperte Werner Spies vor Max Ernsts Bild «Der Hausengel». (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Hat die Ausstellung mitkonzipiert: Kunstexperte Werner Spies vor Max Ernsts Bild «Der Hausengel». (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Vielleicht lag es an dem guten Wein, den er serviert bekam, mutmasst Werner Spies. Pablo Picasso besuchte Max Ernst nahezu täglich, während er an seinem Jahrhundertwerk «Guernica» arbeitete. Das Bild wird zu einer Ikone der Kunst der Moderne. Wenig später vollendet auch Max Ernst (1891–1976) ein Gemälde; er versteht es als seine Antwort auf den Spanischen Bürgerkrieg und den in Europa grassierenden Faschismus. Mit Picassos «Guernica» hat es wenig gemein.

Bilder vermitteln Aggressivität

«Der Hausengel» von Max Ernst zeigt ein wütendes Monster. «Eine Art Trampeltier, das alles, was ihm in den Weg kommt, zerstört und vernichtet», sagte Ernst einst. Arme und Beine des Ungeheuers, das Unheil über ganz Europa bringt, formen ein Hakenkreuz. Aus dem rechten Bein wächst ein zweites, nicht weniger furchteinflössendes Wesen. Ein unheimliches Bild, wären da nicht die Farben. Heiter und bunt geben sie der Szene etwas Karnevaleskes. Man ist irritiert.

Nicht weniger überraschend ist der neue Titel, den Ernst seinem Gemälde ein Jahr darauf gab. Er taufte es um in «Der Triumph des Surrealismus» und machte aus ihm ein Programmbild des Surrealismus, einer damals als revolutionär empfundenen Kunstrichtung, zu deren bedeutendsten Vertretern er selber gehört. Die Vieldeutigkeit des «Hausengels» ist typisch für das Schaffen von Max Ernst. Ähnlich wie Sigmund Freud, dessen Traumdeutung er mit Begeisterung las, wollte er die Abgründe der menschlichen Seele ausloten. Seine Bilder geben den Betrachtern Rätsel auf – Rätsel, zu denen es keine eindeutigen Lösungen gibt. Der Betrachter soll verunsichert werden. Seine Kunst, erklärte Ernst einmal, solle Aggressivität und Erhebung vermitteln.

Rehabilitierung eines Experten?

Kurz vor der Pressekonferenz geht Werner Spies, der zu den grössten Max-Ernst-Kennern gehört, noch einmal durch die Ausstellungsräume. Vermutlich könnte er zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Spies kennt das Werk von Ernst wie kein zweiter. Er war mit dem Künstler befreundet. In seinen kürzlich erschienenen Memoiren spricht er in Bezug auf Ernst von «der Begegnung meines Lebens».

Mit seiner unrühmlichen Rolle im Beltracchi-Fälscherskandal machte Spies zuletzt Negativ-Schlagzeilen. Auch hier ging es um Max Ernst. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist somit auch eine Rehabilitierung des Kunstexperten. Spies hat sie mit Julia Drost und Raphaël Bouvier konzipiert. Die Schau profitiert von seinem Wissen und Kontakten. Spies wirkt zufrieden – und sogar ein wenig stolz. Das darf er sein. Über 160 Werke sind in Riehen zu sehen, darunter fast alle Schlüsselwerke. Von der blasphemisch-frechen Jungfrau, die das Jesuskind züchtigt, bis hin zur erotischen «Entkleidung der Braut». Dazu die wichtigen Werkgruppen der Horden-, Wald- und Dschungelbilder. Nicht fehlen darf das imaginäre Vogelwesen Loplop, eine Art Alter Ego des Künstlers. Es ist eine Schau der Superlative und die umfassendste Ernst-Ausstellung, die seit dem Tod des Künstlers in der Schweiz zu sehen ist.

Umbrüche wie bei Picasso

Stand das Frühwerk noch ganz unter dem Einfluss von Marc Chagall und August Macke, setzte Ernst in seiner dadaistischen Schaffensphase erstmals Zeichen. Bald darauf zählte er zu den Pionieren des Surrealismus. In den Themen seiner Bilder blieb sich Ernst in der Folge erstaunlich treu. Sein Werk lebt dennoch vom Wandel. Ernst entwickelte eine beeindruckende Vielzahl an Techniken. Kaum ein Künstler war experimentierfreudiger. Er schuf Collagen, legte Fundstücke aus der Natur unter ein Blatt Papier und rieb sie durch, klatschte noch feuchte Farbe mit Glasplatten auf die Leinwand oder kratzte Farbe ab. Mit der Oszillation, bei der Farbe aus einer mit Löchern versehenen Dose tropft, nahm er sogar Jackson Pollocks Prinzip der Drip-Paintings vorweg.

«Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet.» Dass es ihm geglückt ist, sich nicht zu finden, betrachtet Max Ernst in seiner Autobiographie als sein einziges Verdienst. Der Gang durch die chronologisch aufgebaute Ausstellung zeigt, wie sich der Künstler immer wieder neu erfunden hat. Max Ernst war ein Meister der Metamorphose. Nur bei Picasso finden sich vergleichbar radikale Umbrüche.

Max Ernst, Fondation Beyeler, bis 8. September www.fondationbeyeler.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.