Triefende Schwämme

Kunst Dorothee Messmer wechselte im Frühling vom Thurgauer Kunstmuseum nach Olten. Nun hat sie der Ostschweizer Performancekünstlerin Katja Schenker eine Einzelausstellung ausgerichtet. Christina Genova

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Katja Schenker während ihrer Performance «Mit angewinkelten Beinen» im Kunstmuseum Olten. (Bild: Marco Bakker)

Katja Schenker während ihrer Performance «Mit angewinkelten Beinen» im Kunstmuseum Olten. (Bild: Marco Bakker)

Stellen Sie sich vor, man würde den ganzen Boden des Kunstmuseums St. Gallen mit einer Mischung aus Zement und Blähtonkügelchen bedecken. Undenkbar? Im Kunstmuseum Olten, unter seiner neuen, aus St. Gallen stammenden Direktorin Dorothee Messmer, wurde es realisiert. Denn das in die Jahre gekommene Gebäude, das wohl bald durch einen Neubau ersetzt wird, bietet sich geradezu an für Experimente.

Weicher Beton

Die im wahrsten Sinne des Wortes bodenfüllende Installation stammt von der St. Galler Künstlerin Katja Schenker und erstreckt sich über zwei Stockwerke und insgesamt sieben Räume. Sie ist Bestandteil ihrer Einzelausstellung «Mit angewinkelten Beinen». «Diese Körperhaltung signalisiert sowohl grössten Schutz als auch grösste Hingabe», so die Künstlerin, der die Titel ihrer Arbeiten sehr wichtig sind. Aber warum mischte sie Zement mit Tonkügelchen? «Ich wollte einen <weichen> Betonboden machen», lautet ihre Erklärung – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Das Thema der «Weichheit» beschäftigt sie. «Es gibt nur wenig weiche Dinge.» Dazu gehören unter anderem auch Schwämme. Schwämme könnten Stimmungen aufnehmen, wieder abgeben und weitertragen, sagt Katja Schenker. Sie spielten an der Vernissage vor zwei Wochen eine wichtige Rolle, als der neue Museumsboden zum Schauplatz einer eindrücklichen Performance wurde. Das Video der Aktion ist zusammen mit anderen Performances der letzten Jahre Bestandteil der Ausstellung.

Ein riesiges Molekül

Naturschwämme, triefend vor dunkelroter bis schwarzer Farbe, wurden von Katja Schenker mit Stäben eingesammelt. Da sie sowohl Schwämme als auch Stäbe mit Magneten präpariert hatte, kam es zu überraschenden Reaktionen der Abstossung und Anziehung – ein spielerisches Moment. Zwölf mit Schwämmen bestückte Stäbe trug Katja Schenker hoch ins obere Stockwerk: «Ich musste mir mit den triefenden Schwämmen den Weg durch die Leute bahnen.» Im letzten Raum schliesslich steckte sie die Stäbe in ein vorbereitetes Chromstahlobjekt, das danach an ein riesenhaft vergrössertes Molekül erinnerte. «Mein Ziel war», so die Künstlerin, « eine Performance zu entwickeln, die durch die Räume zieht.»

Weibliche Erfahrungen

Zwar arbeitet Katja Schenker auch skulptural, und ab und zu entstehen auch abstrakte Zeichnungen – einige davon sind in Olten zu sehen. Den Schwerpunkt ihres künstlerischem Schaffen bilden aber Performances, die sie mit vollem Körpereinsatz durchführt. Was im flüchtigen Moment der Aufführung mit grosser Selbstverständlichkeit daherkommt, benötigt viel Denkarbeit und Tüfteln. Katja Schenkers vielschichtige Oltner Performance weckt viele Assoziationen und ist über ihren sinnlichen Gehalt leicht zugänglich. Da ist mal die Fragilität des Bodens unter den Füssen, dessen eingelegte Tonkügelchen jederzeit brechen könnten und es auch tun – ein Symbol für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Viele Elemente von Katja Schenkers Performance erinnern an weibliche Lebensrealitäten und -erfahrungen: Die «blut»triefenden Schwämme lassen sich mit dem weiblichen Zyklus, mit Empfängnis, Mutterschaft, Hingabe und Erotik verbinden. Doch zu viel Blutverlust ist lebensgefährlich, und ein Zuviel an Hingabe führt rasch zur Selbstaufgabe.

Die Oltner Ausstellung wurde speziell für den Ort konzipiert: «Mein Eindruck von Olten war, dass es hier überall etwas zu eng ist», erklärt Katja Schenker. Deshalb hat sie während dreier Wochen Fensterverkleidungen und Einbauten entfernen lassen. Die Räume präsentieren sich neu lichtdurchflutet und leicht und ermöglichen neue Durchblicke und Einsichten: Von der Kirchgasse sieht man durchs Museum hindurch bis auf den dahinterliegenden Munzingerplatz.

Kunstmuseum Olten, bis 4.11.12 www.kunstmuseumolten.ch Publikation: «Katja Schenker: arbeiten an der Erdoberfläche. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2011, 96 S., Fr. 35.– Ausserdem sind in Olten Werke von Ernst Thoma (1953*) im Dialog mit jenen des Oltner Zeichners Martin Disteli (1802–1844) zu sehen.