Treppaufwärts ins Bleistiftgebiet

Musiktheater Die Kantonsbibliothek Vadiana als Echoraum der toten Dichter: Im Stück «Ich & er» gibt der Chor inscriptum Walser und Morgenstern ansprechend Geleit.

Bettina Kugler
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Der eine wirkt etwas steif; ein Bürokrat mit Aktentasche, im Dienst der Zeichensetzung und Orthographie. Der andere gibt den Luftikus, den Vagabunden im Paradies der Wörter mit einem Rucksack voller Träume: So gegensätzlich treten die toten Dichter Christian Morgenstern und Robert Walser im Stück «Ich & er» ins Licht. Aus dem Reich der Bücher kommen sie die Treppe hinunter in die Eingangshalle der Vadiana.

Zuvor hat ihnen eine Frauenstimme aus der ersten Etage sanft ein Grablied angestimmt: Heinz Holligers «Tombeau», komponiert für den verstorbenen Kollegen Pierre Boulez. Nun aber sollen die beiden gut eine Stunde lang noch einmal ins Leben zurückkommen. Ins Bleistiftgebiet, das uns von ihnen geblieben ist.

«Ich & er», das sind die Schauspieler Luzian Hirzel und Tobias Fend in einer musikalischen Szenerie mit Chor, Sopran und Klavier, ausgehend vom Schauplatz konzipiert: Treppenaufgang, Lesesaal und Magazin der Kantonsbibliothek. Barbara Auer, Organisatorin mehrerer «Robert-Walser-Sommer» in Herisau, hat den beiden Dialoge auf den Leib geschrieben, die Morgenstern und Walser als literarische Konkurrenten wider Willen zeigen und Lust machen, jeden für sich in seinen Texten neu zu entdecken.

Das naive Genie und sein Textdompteur

Regisseur Christian Hettkamp nimmt die Zuschauer am Zaun der Literaturgeschichte mit auf einen Bibliotheksspaziergang mit Musik: mit Psalmen, gesungenen Gebeten und Wortartistik, mit Nacht- und Sehnsuchtsliedern. Morgenstern, der pingelige Korrektor, kommt darin nicht gut weg; Tobias Fend spielt aber die unsympathischen Züge ins verzeihlich Ängstliche – der Mundwinkel sagt mehr als all die gut gespitzten Argumente. Den Robert Walser in der Haut von Luzian Hirzel kann man nur herzlich gern haben: Leichthin verkörpert er des Dichters Hans-im-Glück-Genie, die Naivität eines scheuen Könners. Dazwischen vermittelt Samuel Brülisauer als Verleger Cassirer und als Erzähler.

Freundlich geleitet werden sie auf ihrem Streifzug durch die Bibliothek vom Chor inscriptum, der Bündner Sopranistin Nora Bertogg und Christian Döhring am Klavier. Der Chor zieht Verbindungslinien zwischen den Texten; er nimmt Stimmungen auf oder grundiert sie. Musikalisch mischen sich die Sängerinnen und Sänger ins Geschehen ein – etwa mit einem lautmalerischen Sprechchor auf Morgensterns Galgenlied «Unter Zeiten». Mit ihren grauen Mänteln über schwarzen Kleidern (Kostüme: Marion Steiner) erinnern sie an den Chor im antiken Theater. Doch bleibt es bei sachten Anflügen von Melancholie.

Weitere Aufführungen: 14./15./ 17./18.9., 19.30 Uhr, Vadiana St. Gallen