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Der St.Galler Autor Christoph Keller hat ein Buch gegen die Weltuntergangslust geschrieben

Im Roman «Der Boden unter den Füssen» entwirft er einen Garten als paradiesische Utopie.
Beat Mazenauer/SDA
Christoph Keller in seinen Garten. Bild: Keystone

Christoph Keller in seinen Garten. Bild: Keystone

Gleich schon die ersten Worte geben Zuversicht: «Jetzt, da alles gut wird, erscheinen die Menschen immer öfter im Garten.» Unter dem Holunderbaum, dem Hexenbaum, treffen sie auf den Hausherrn Lion.

Indem Christoph Keller im Garten die Zeit stillstehen lässt, beschreibt er freilich keine naive Weltflucht. Ihm sei es vielmehr darum gegangen, sagt er in eben jenem Garten sitzend, «der ganzen Weltuntergangslust, der wir seit Jahrzehnten frönen, etwas entgegenzusetzen».

Literatur und Film beschwören gerne dystopische Szenarien herauf, in denen die Welt am Schluss in Stücke birst. Das habe etwas von einer «self-fulfilling prophecy», meint Keller, «denn wir haben es ja kommen sehen, wenn es tatsächlich mal passiert». Darauf aber will er es nicht ankommen lassen. Der möglichen Katastrophe hält er im Buch seinen Optimismus entgegen. Er scheut sich nicht vor einer radikalen Naivität, die Lion an die Idee eines «unbegrenzten Zivilisationsmoratoriums» glauben lässt.

Roman Signer als Romanfigur

«Eine Fantasie» heisst das Buch im Untertitel. Der Garten ist ein verwunschener Ort, der sich mit jedem Schritt, den die Protagonisten tun, ins Fantastische und Unendliche weitet. Mit dem Raum dehnt sich auch die Zeit. Der Garten wird zur paradiesischen Utopie.

Lion führte früher mit seinem Bruder Leo ein Architekturbüro. Als eine seiner Brücken einstürzte und zwölf Leben forderte, gab er den Beruf auf. Er zog sich zurück. Im Garten trifft er jetzt Corinna, seine Anwältin. Zugegen ist auch sein Gärtner Sarhat, ein geflüchteter türkischer Kurde, dessen Heimat in einem Stausee versunken ist.

Christoph Keller entfaltet seine Fantasie elegant, mit schelmischem Witz und ohne dramatisches Aufhebens. Er lässt die Protagonisten im Garten wandeln, sich erinnern und miteinander unterhalten. Es sind die subtilen Aufmerksamkeiten, die dem Buch seinen Reiz verleihen.

Der Autor ist dafür von seinem eigenen Garten ausgegangen, der schon in früheren Büchern eine zentrale Rolle spielte.

«Ich bin zwei Sommer lang hier draussen im Garten gesessen und habe mit Lust geschrieben – und wenn da ein Eichhörnchen dahergerannt kam, fand es manchmal schnurstracks Eingang in den Text.»

Ganz ähnlich tauchen andere Dinge oder Personen, die ihn während dieser Zeit beschäftigten, darin auf. Mal geschieht es offen, mal zwischen den Zeilen. So haben beispielsweise reale Figuren ihren Weg in den Roman gefunden: Künstler Roman Signer – gar drei Mal, ohne dass sein Name genannt wird –, dessen Werk für Keller ideal die beiden Sphären Kunst und Natur verbindet.

Und ganz offen der Bauingenieur und Brückenbauer Christian Menn; auch er steht für diese Symbiose. Seine filigranen Bauten sind Meisterwerke der Ingenieurskunst, die sich schön in die Natur einfügen. Zugleich, gibt Keller zu bedenken, steckt in ihnen eine Hybris. Wer über die kühnen Brücken geht, verliert unweigerlich den Boden unter den Füssen.

Der neue Roman Christoph Kellers ist im Limmat Verlag erschienen.

Der neue Roman Christoph Kellers ist im Limmat Verlag erschienen.

Optimist und Pessimistin

Lion gibt sich als Optimist, wogegen er seine Liebe Cora für eine fröhliche Pessimistin hält. Die beiden Haltungen umreissen das Paradox, das dem Autor innewohnt: «sich einerseits allen diesen Schrecken, den News, zu stellen, und sich andererseits davon nicht allzu sehr beeinflussen zu lassen». Eine Utopie zu schreiben, ist vielleicht ein Ausweg aus dem Dilemma.

«Der Boden unter den Füssen» ist ein Buch des leisen Wandels. Gegen Ende erhält es dennoch eine dramatische Wende ins Surreale. Cora scheint es irgendwie gelungen zu sein, der menschlichen DNA das «Naturgen» einer altsteinzeitlichen Denisova-Frau beizumischen.

Die Zukunft wird weiblicher sein, «wenn wir überleben wollen», glaubt Christoph Keller. Lustvoll fantasiert er darüber. Sein Buch weist am Ende ins utopisch Offene. Eine Karawane macht sich auf in eine Zeit, in der Mensch und Natur wieder vereint sind.

Christoph Keller: Der Boden unter den Füssen. Limmat, 160 S., 32.– Fr. Der Autor liest am 23.9, 20 Uhr in der Kellerbühne St.Gallen.

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