Traurig, aber schön

OpenAir Keiner schreit schöner als Pedro Lehmann. Hinter der Kunstfigur verbergen sich zwei Rheintaler, die es mit melancholischer Musik ans OpenAir St. Gallen geschafft haben. Claudio Donati

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Hinter Pedro Lehmann stecken Yannick Gächter (links) und Sven Wüst. (Bild: Claudio Donati)

Hinter Pedro Lehmann stecken Yannick Gächter (links) und Sven Wüst. (Bild: Claudio Donati)

Es gibt eine Person, die es nicht gibt: Pedro Lehmann. Wenn der Regen kommt und alles nach Hause rennt, betritt Pedro Lehmann die Strasse. Schweren Schrittes. Schweren Herzens. Gehüllt in einen schwarzen Mantel geht er, geht, bleibt stehen und plötzlich: ein Schrei. Laut und lang. Jeder hört ihn, keiner versteht ihn. Aber es klingt, als schreie er: «Seid traurig! Es ist schön.»

Es gibt ein Wort, das es nicht gibt: Melancholismus. Gäbe es das Wort, sein Schöpfer hiesse Pedro Lehmann. Die Gestalten hinter der düsteren Gestalt: Yannick Gächter und Sven Wüst. Beide 23jährig, beide aus Altstätten, beide Hornbrillen- und Bartträger. Und beide träumen vom Leben als Musiker. Gächter, der gelernte Schreiner, und Wüst, der Mechaniker.

Am Anfang war der Schrei

Es gab diesen magischen Moment, am Stephanstag 2011, in der Zürcher Bar Corazon: Pedro Lehmann betritt das Lokal, die Leute sitzen beim Bier, während das Duo seine Songs für einmal akustisch spielt. Plötzlich heben sich die Lippen der Gäste von den Gläsern. Gitarrist und Sänger Yannick Gächters erster Schrei im Herzen Zürichs, aus voller Kehle, aus vollem Herzen, damit fängt er sie alle. Dabei hat das Lied Glory so ruhig begonnen.

Es war, als hätte jemand einen Löwen nach Jahren der Gefangenschaft aus dem Käfig gelassen – mitten in einem Rudel von Antilopen. Diesen Pedro Lehmann kannten selbst seine Freunde noch nicht. Aber sie waren sich einig: «Gut gebrüllt, Löwe!» Selten klangen Wutausbrüche so schön. Heute sind sie ein Markenzeichen der Band. Gächter kann singend schreien, schreiend singen, ohne dabei (vor)laut zu wirken. Er hat das Geschrei am Ende mancher Songs kultiviert. Seitdem gibt es einige Antilopen weniger.

Vom Kellerloch ans OpenAir

In den Tiefen eines Kellerlochs werden Pedro Lehmanns Stücke geboren. Nachtschattengewächse, die viel Regen brauchen. Die Songs reifen im Schattenreich des Proberaums, bevor sie aus dem Chaos von weniger als 20 Quadratmetern gehoben werden. Kein Wunder klingt das Resultat schwer, wild, archaisch, instinktiv. Lehmanns Ernte sind düstere Traurigkeit, traurige Düsterkeit: Hymnen an die Nacht. Keine happy Songs, keine Lovesongs, keine Reime, keine Gnade. Aber gnadenlos schön. Und immer schwingt ein bisschen Hoffnung mit. Aufgehoben in der Tiefe, am Rand des Abgrunds. Denn wer am Abgrund steht, blickt nicht zum Himmel. Glückstage in der Hölle. Man will mitsingen und schweigt trotzdem. Wer derlei pathetische Beschreibungen erhält, muss sich diese verdient haben. Pedro Lehmann ist nicht jedermanns Sache. Jedermann ist aber auch nicht Pedro Lehmanns Sache. Umso überraschender kam für die Band die Auszeichnung am «m4music»-Festival, dem Popmusikfestival des Migros-Kulturprozents, Anfang Jahr in Zürich.

Demotape des Jahres

Dort wurde aus 777 Songs Pedro Lehmanns Hurricane, diese eigenwillige Version eines Wirbelsturms im Schritttempo, zum Demotape des Jahres gekürt. Seitdem geht es aufwärts. Konzerte sind zwar noch Mangelware, aber in der Szene ist man auf das ungewöhnliche Duo aufmerksam geworden. Die Musikbranche, die Medien und einige Veranstalter klopfen an. Sie haben ihn irgendwie doch lieb gewonnen, diesen (licht-)scheuen, schreienden Sonderling namens Pedro Lehmann. Morgen dürfen Yannick Gächter und Sven Wüst am OpenAir St. Gallen auftreten. Und das ist für sie etwas vom Grössten, auch wenn sie nicht auf der Hauptbühne spielen, sondern auf der Chesterfield Live Stage. Morgen abend wird Pedro Lehmann die Bühne betreten. Und garantiert nichts dagegen haben, wenn es im Hochsommer regnet.

Live am OpenAir St. Gallen: morgen Samstag, 28. Juni, 18 Uhr Chesterfield-Live-Stage