Traumlandschaft

Hörbar rock Sanft renovieren statt umbauen: Nach dem minimalistisch arrangierten Début reichert Justin Vernon die neue Platte von Bon Iver – ein Mittelding zwischen Band und Soloprojekt – mit schwebenden Synthie-Klängen und E-Gitarren an, behält aber den kauzigen Charakter

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Hörbar rock

Sanft renovieren statt umbauen: Nach dem minimalistisch arrangierten Début reichert Justin Vernon die neue Platte von Bon Iver – ein Mittelding zwischen Band und Soloprojekt – mit schwebenden Synthie-Klängen und E-Gitarren an, behält aber den kauzigen Charakter seiner Musik bei. Dadurch fällt das Album runder und vielfältiger aus als der Erstling. Die Indie-Folk-Songs sind gewohnt verhuscht, ihre Strukturen brüchig und kaum fassbar, und Vernons eindringlicher Falsetto-Gesang verleiht auch der neuen Platte die entscheidende Prägung. «Bon Iver» klingt wie eine Traumlandschaft, an die man sich nach dem Aufwachen nur noch schemenhaft erinnert. Also weiterträumen!

Bon Iver: Bon Iver (4AD/Musikvertrieb)

Wüstenrock

Songs so trocken wie Wüstenstaub und Riffs so schroff wie Felsklippen: Auf «V», dem zweiten Album seit der Reunion vor zwei Jahren, zeigen sich Karma To Burn in Topform. Die Stoner-Rock-Gruppe entwickelt einen immensen Druck und wechselt immer wieder die Körnigkeit. Die inzwischen wieder auf ein Trio reduzierte US-Band ist auf «V» teils noch mit dem temporären Sänger Daniel Davies (Year Long Disaster) zu hören, so auf dem Black-Sabbath-Cover «Never Say Die». Das sorgt für zusätzliches Kolorit, spannend sind vor allem aber die rein instrumentalen Stücke, die selbst während der repetitiven Passagen nicht monoton werden.

Karma To Burn: V (Napalm Records/Musikvertrieb)

Klanggebräu

Wu Lyf, das Quartett aus Manchester, das durch Öffentlichkeitsverweigerung und mystische Videos den Hype um sich geschürt hatte, wagt den grossen Wurf – auch wenn sich das Début vor Verspieltheit manchmal verliert. Aufgenommen in einer alten Kirche, werden die Songs von Evans Katis Gitarrenklängen in die Höhe geschraubt und wachsen um Ellery Roberts leidenden Gesang in den Himmel. Hier mischen sich psychedelischer Indie-Rock und Afro-Beat zu einem so faszinierenden wie verstörenden Klanggebräu. «Heavy Pop» nennen Wu Lyf das. Klingt gut.

Wu Lyf: Go Tell Fire To The Mountain (LYF Recordings)

David Gadze