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Trauerarbeit, ohne traurig zu sein

Die berühmte New Yorker Musikerin und Multimediakünstlerin Laurie Anderson hat mit «Heart of a Dog» einen berührenden, klugen und sehr persönlichen Essay über Verlust, Abschied und Erinnerung gedreht.
Andreas Stock

Sie ist als Musikerin und Künstlerin eine begnadete Geschichtenerzählerin. Laurie Anderson sagt in «Heart of a Dog», sie habe schon als Kind gerne Geschichten geschrieben. Sie veröffentlichte damals eine eigene Zeitung mit Geschichten aus der Kolonialzeit. Am liebsten habe sie Geschichten erfunden, in denen sie sich Dinge vorgestellt habe, die nie zuvor passiert seien. Mit so einer Story, dem bizarren Traum ihrer Geburt eines Hundes, beginnt Andersons erster Film seit dem grossartigen «Home of the Brave» (1986).

Ängstlicher Blick nach oben

Ihr Hund, ein Rat-Terrier namens Lolabelle, ist Ausgangspunkt und roter Faden im virtuos komponierten Bild- und Tongedicht. Die 68jährige Künstlerin setzt sich mit alltäglichen und existenziellen Fragen auseinander. Wenn es heisst, dass ein Terrier 500 Worte verstehen kann, fragt sie sich: Welche Wörter sind das? Und als Lolabelle bei einem Spaziergang in den Bergen fast von einem Falken angegriffen wird, erkennt sie im ängstlichen Blick des Hundes in den Himmel denselben Blick der New Yorker nach 9/11 – aus der schrecklichen Erfahrung, dass Gefahr von oben drohen kann.

Anderson bemerkt die vielen Lastwagen in der Stadt, die nach dem Attentat auf die Twin Towers Daten transportieren. Und sie findet mit Ironie eine Parallele zwischen dem riesigen Datenzentrum der NSA in der Wüste und einem anderen massiven Komplex: den Pyramiden, in denen die Pharaonen ihr Leben und Wissen versammelten.

Wie funktionieren Geschichten?

Doch im Zentrum der Gedanken und Assoziationen von Laurie Anderson, die sie mit ihrer klaren, warmen und süchtig machenden Stimme als Off-Kommentar spricht, steht die Frage: Wie funktioniert Erinnerung, und wie werden Geschichten gemacht und erzählt? Sie verweist zwar auf Philosophen wie Ludwig Wittgenstein und Søren Kierkegaard, aber bestechender, intimer sind ihre eigenen Geschichten. Beispielsweise, wie sich ihre Erinnerung an einen Spitalaufenthalt als 12-Jährige verändert hat – indem sie die schlimmsten Erlebnisse ausgeblendet und beinahe vergessen hat.

Ein einnehmender Sog

Immer wieder gelingt es der US-Künstlerin spielerisch und unverkrampft mit scheinbar einfachen Fragen faszinierende Assoziationen zu knüpfen: Warum träumen wir? Was sieht man, wenn man die Augen schliesst?

Was zur visuellen Gestaltung des knapp 80 Minuten kurzen Essays führt, der als eine Art fliessende Meditation gestaltet ist. Es findet sich kaum ein «natürliches» Bild darin. Die privaten Aufnahmen auf Video und Super 8, die Bilder aus Archiven, Überwachungskameras und inszenierten Szenen, alle sind bearbeitet: monochrom, schwarzweiss, mehrschichtig, unscharf, mit Filtern verfremdet, in Zeitlupe. Dabei verdichten sich Stimme, Bilder, Schrift und Musik (Elektronik, Violine, Ambient und Gesang) zu einer kunstvollen Komposition, die einen ungemein einnehmenden Sog entwickelt.

Abschied von Lou Reed

Im Herzen von «Heart of a Dog» geht es aber um Liebe, Verlust und Abschiednehmen. Denn Laurie Anderson erzählt vom Tod ihrer Mutter und ihres Hundes. Und davon, wie man mit dem Verlust und den Erinnerungen an die Verstorbenen umgeht. Sie zitiert ihren Meditationslehrer, der sagt: Man müsse versuchen, sich traurig zu fühlen, ohne traurig zu sein – was sehr schwierig sei. Laurie Andersons poetischer Essay unternimmt dies auf bestechende Weise. Denn natürlich ist «Heart of a Dog» auch ein stiller Abschied von ihrem 2013 verstorbenen Mann, dem legendären Rockmusiker Lou Reed. Ihm ist der Film gewidmet, sein Song «Turning Time Around» erklingt am Ende – zu einem Foto von Lou Reed mit Lolabelle.

Im Kinok St. Gallen und im Luna Frauenfeld, weitere Kinos folgen

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