Trauer tötet, Leben fliesst

Ariadne auf Naxos von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal handelt vom Irrgarten der Liebe. Am Theater St. Gallen zeigt sich, wie vital und unterhaltsam dieses Werk ist – und wie tiefsinnig dazu.

Rolf App
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Die Primadonna (Katrin Adel) trifft ein, sie soll die Ariadne spielen. Um sie herum, alle auch noch im Bademantel (v. l.): Arnold Rawls (der spätere Bacchus), Katja Starke (der Komponist), Simone Riksman (Echo), Susanne Gritschneider (Dryade), Fiqerete Ymeraj (Najade). (Bild: Tanja Dorendorf)

Die Primadonna (Katrin Adel) trifft ein, sie soll die Ariadne spielen. Um sie herum, alle auch noch im Bademantel (v. l.): Arnold Rawls (der spätere Bacchus), Katja Starke (der Komponist), Simone Riksman (Echo), Susanne Gritschneider (Dryade), Fiqerete Ymeraj (Najade). (Bild: Tanja Dorendorf)

Es geht um vieles, ja um alles an diesem Samstagabend im Theater St. Gallen bei der Premiere der Oper «Ariadne auf Naxos» von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Es geht um das Leben und um die Liebe. Um den Aufbruch aus der Erstarrung. Um Verwandlung.

Musik – wie ein Gewebe

Denn, schreibt Hofmannsthal an Strauss, «Verwandlung ist Leben des Lebens, ist das eigentliche Mysterium der schöpferischen Natur; Beharren ist Erstarren und Tod. Wer aber leben will, muss über sich selber hinwegkommen, muss sich verwandeln: er muss vergessen. Und dennoch ist ans Beharren, ans Nichtvergessen, an die Treue alle menschliche Würde geknüpft.»

Erstaunen muss, wie aus solch tiefsinnigen Gedanken im Diskussionsprozess zwischen Komponist und Librettist (siehe Kasten) eine derart leichtfüssige, ja zeitweise turbulente Oper hat entstehen können. Mit einer Musik, die glitzert und fliesst, die dank eines ganz «unstraussisch» kleinen Orchesters von nur gerade 37 Musikern sich wie ein durchsichtiges Gewebe unter den Gesang legt – mit raffinierten Effekten, überraschenden Wendungen und instrumentalen Eigenwilligkeiten.

Der Dirigent schimpft

Das von Otto Tausk geleitete Sinfonieorchester St. Gallen meistert seine keineswegs leichte Aufgabe souverän. Einmal darf der Dirigent sogar aus dem Orchestergraben schimpfen – wenn ihm Katja Starke in ihrer Hosenrolle als Komponist noch rasch ein paar Änderungen hinabreicht. Es ist dies einer von vielen situationskomischen Einfällen, mit denen der Regisseur Aron Stiehl dem Stück auf raffiniert durchdachte Weise Leben einhaucht.

Die Geschichte in Kürze: Der reichste Mann Wiens gibt eine Abendgesellschaft, nach dem Essen soll die Oper «Ariadne auf Naxos» uraufgeführt werden, danach soll Zerbinetta mit ihrer Spassmachertruppe singen und tanzen. Auf 21 Uhr ist ein Feuerwerk anberaumt, die Zeit drängt also. Deshalb gibt der reichste Mann Anweisung, Ariadne und Tanz zusammenzulegen.

Zusammenstoss der Welten

Der Komponist ist entsetzt. Doch Zerbinetta, glänzend gespielt und (etwa in der schweren, aber ganz leicht dargebotenen Koloraturarie) noch glänzender gesungen von Lenneke Ruiten, macht ihm klar, dass man im Leben Kompromisse machen muss. So kommt es, vor den Augen der Gäste, zum Zusammenstoss der Welten: Hier Zerbinetta mit der sie umwerbenden, von Franziska Jacobsen in grellbunte Kostüme gesteckten Männerschar aus Harlekin (Roman Grübner), Scaramuccio (Riccardo Botta), Truffaldin (Wade Kernot) und Brighella (Nik Kevin Koch). Dort Ariadne (Katrin Adel) mit ihren ernsten Gefährtinnen Najade (Fiqerete Ymeraj), Dryade (Susanne Gritschneider) und Echo (Simone Riksman). Es sind zwei gesanglich bestens disponierte Ensembles.

Die eine grosse Liebe

Zerbinetta singt vom Leben, von der Erotik, Ariadne träumt von Theseus, der sie verlassen hat, und will sterben. Beide Welten haben ihre eigenen Bewegungen, ihre eigene Musik, und erst als mit Arnold Rawls der vermeintliche Todesgott eintrifft (der in Tat und Wahrheit Bacchus ist), zeigt Ariadne sich im stimmgewaltigen Duett bereit zu etwas Neuem.

Und dann steht da Zerbinetta auf der Bühne, barfuss, ohne Perücke, ein wenig scheu. Auch sie spürt den Hauch der einen grossen Liebe – zum Komponisten.

Richard Strauss (rechts) und Hugo von Hofmannsthal.

Richard Strauss (rechts) und Hugo von Hofmannsthal.

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