Tragische Zwillinge

LESBAR SYMBIOSE

Bernadette Conrad
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Bild: Bernadette Conrad

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LESBAR SYMBIOSE

Als Zwilling geboren zu werden, ist etwas Besonderes. Aber es kann auch ganz schön kompliziert sein, seine eigene Identität zu entwickeln. Schier unmöglich wird es dann, wenn der andere Zwilling mit der Abgrenzung viel weniger Probleme hat als man selbst. Daraus hat die 1907 geborene Amerikanerin Dorothy Baker ihren packenden Roman «Cassandra at the Wedding» gebaut. Das erstmals 1962 erschienene und nun übersetzte Buch erzählt, wie die 24jährige Cassandra zur Hochzeit ihrer Schwester auf die heimische Ranch im Westen der USA fährt. Im gerade vergangenen Jahr, in dem die Zwillinge erstmals weit voneinander entfernt lebten, war sie in ein Trennungsunglück abgestürzt. Nun trifft sie Judith in der verzweifelten Hoffnung wieder, die Heirat verhindern und den ungewollten Dritten ignorieren zu können. Mit ihrem scharfen Verstand weiss sie zwar, dass es «darauf ankommt, unablässig an unserer grösstmöglichen Verschiedenheit zu arbeiten, denn erst wenn eine Kluft besteht, kann man sie überbrücken». Aber das verlorene Kind in ihr legt es doch auf eine Katastrophe an, in der sich alles entscheidet.

Dorothy Baker: Zwei Schwestern. Roman. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum. 279 S., Verlag dtv 2015, Fr. 28.90

Elf Wochen bis zum Tod

Für Nora und ihren Mann ist es ein Schock: Die Signora, die seit der Geburt ihres Sohnes vor acht Jahren täglich viel mehr führt als nur ihren Familienhaushalt, ruft an und sagt kurz angebunden, sie käme nicht mehr. Sie sei zu müde. Sie ist so heftig und plötzlich von einem Lungenkrebs ergriffen worden, dass zum Begreifen kaum mehr Zeit bleibt. Erzählt wird dies vom Ehemann und Vater, der erst im Rekonstruieren eines Bildes versteht, dass die Signora mitsamt ihrer spröden Verlässlichkeit ein Fels in der Brandung geworden war. Ein stabilisierender Faktor, der es ihnen erspart hatte, sich aus eigener Kraft zu halten: als Familie «emotional erwachsen» zu werden. Was nun? «Unser Eheleben ging äusserlich unverändert weiter, wir erledigten die vertrauten Verpflichtungen, aber wie rund um ein verschlissenes Herz.» In jenen elf Wochen, in denen die Signora schnell und doch langsam stirbt, scheint die Ehe zu zerbrechen. Und doch – der erzwungene Prozess der Bewusstwerdung lässt es auch möglich erscheinen, dass hinter der nächsten Ecke des Lebens auch für sie drei alles ganz anders kommt.

Paolo Giordano: Schwarz und Silber. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. 167 S., Rowohlt- Verlag 2015. Fr. 26.90

Bild: Bernadette Conrad

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