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LESBAR KRIMI

Frauke Kaberka/Axel Knönagel
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Bild: Frauke Kaberka/Axel Knönagel

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LESBAR KRIMI

Wenn Ingrid Noll zu Tisch bitte, ist Vorsicht geboten. Denn der rabenschwarze Humor spielt auch in diesem Krimi die Hauptrolle. Eigentlich gäbe das Erzählte Stoff her für eine Beziehungskomödie. Munter und skurril ist die Geschichte, die Ingrid Noll erzählt. Wer Krimis für Hartgesottene liebt, also viele brutale Morde, sollte deshalb nicht unbedingt zu «Der Mittagstisch» greifen. Die patente Nelly ist eine Frau in den Dreissigern und eine gute Köchin. Allerdings ist sie mittellos – denn ihr Partner hat sie mit ihren beiden Kindern im Stich gelassen. Als sie zufällig ihre alte Freundin Renate trifft, lädt sie diese spontan zum Essen zu sich ein. Daraus ergibt sich bald eine Gewohnheit, denn Regine ist begeistert von Nellys Kochkünsten. Nun startet die joblose Nelly eine Karriere als Wohnzimmerköchin und die Gästeschar wird denn auch immer grösser. Die Einnahmen schleust sie am Finanzamt vorbei. Das geht gut, bis sie sich verliebt. Als die Freundin des Angebeteten, die für reichlich Unfrieden sorgt, im Spital landet, fällt der Verdacht natürlich auf Nelly. Ingrid Noll wird am 29. September diesen Jahres 80 Jahre alt. Sie hat die Gabe, kleine und grosse Verbrechen so liebenswürdig, ja manchmal gar als notwendig zu schildern, als wären sie etwas ganz Alltägliches.

Ingrid Noll: Der Mittagstisch, Diogenes Verlag 2015. 224 Seiten. Fr. 30.

Überlegene Intuition

Ein Kommissar bleibt auch nach seiner Pensionierung ein Kommissar. Dieser Genre-Regel folgt auch Friedrich Ani in seinem neuen Krimi. Ex-Kommissar Jakob Franck rollt in «Der namenlose Tag» den Tod einer jungen Frau auf. Dies auf Wunsch ihrer Eltern. Vor 21 Jahren war die Schülerin Esther Winter erhängt aufgefunden worden. An einen Selbstmord wollten die Eltern nie glauben. Ruhig und bedächtig macht er sich auf die Suche nach Zeugen und rekonstruiert nach und nach die Ereignisse von damals. Er befragt Nachbarn und Schulkameraden, aber der Wahrheit kommt er nicht näher. Aber er gibt nicht auf, denn mit der Nacht von Esther Winters Tod verbindet er besondere Erinnerungen. Darum verlässt er sich mehr und mehr auf seine Intuition, die sich als der klassischen Faktensammlerei überlegen erweist: Mehrere Personen müssen ein Mitschuld am Tod der jungen Esther trage, aber eine habe die junge Frau im entscheidenden Moment im Stich gelassen. So gelingt es ihm, die richtigen Fragen zu stellen und den Fall aufzuklären.

Friedrich Ani: Der namenlose Tag, Suhrkamp Verlag Berlin 2015, 301 Seiten. Fr. 28.90.

Bild: Frauke Kaberka/Axel Knönagel

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