Totalschaden in der Tonhalle St.Gallen: Wie ein Kunstwerk zerstört wurde und vergessen ging

Der St.Galler Künstler Leo Brunschwiler schuf 1993 ein riesiges Werk als Kunst am Bau für die Tonhalle St.Gallen. Dann wurde es zerstört, und verschwand hinter Plastikfolie. Seitdem hängt es hinter Folie. Und niemand kümmert sich.

Julia Nehmiz
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«Es gibt nichts mehr zu schützen» - Künstler Leo Brunschwiler befreit seine zerstörten Werke im Untergeschoss der Tonhalle St.Gallen von der Plastikfolie, mit der sie seit Jahren abgedeckt sind.

«Es gibt nichts mehr zu schützen» - Künstler Leo Brunschwiler befreit seine zerstörten Werke im Untergeschoss der Tonhalle St.Gallen von der Plastikfolie, mit der sie seit Jahren abgedeckt sind.

Bild. Nik Roth

Er schüttelt den Kopf. Stumm. Schüttelt einfach nur den Kopf. Leo Brunschwiler kann nicht fassen, nicht begreifen, was mit seinen Werken geschah. Wie mit den riesigen Wandbildern im Untergeschoss der Tonhalle St.Gallen umgegangen wurde.

Er wusste es zwar, hatte E-Mail-Kontakt mit dem Kantonsbaumeister und einer Restauratorin, die dem Werk einen Totalschaden attestierte. Er hatte überlegt, einen Anwalt einzuschalten, und dann versucht, alles zu vergessen. Jetzt ist er angereist, um alleine seine zerstörte Kunst auf sich wirken zu lassen. Und er fasst einen Entschluss.

Kunst hinter Kisten: Blick in den Lagerraum des Restaurants Concerto. Ursprünglich war dies als Veranstaltungsraum geplant und von Künstler Leo Brunschwiler ausgestaltet.

Kunst hinter Kisten: Blick in den Lagerraum des Restaurants Concerto. Ursprünglich war dies als Veranstaltungsraum geplant und von Künstler Leo Brunschwiler ausgestaltet.

Bild: Nik Roth

Es ist für Leo Brunschwiler ein leidiges Kapitel, das eigentlich gut angefangen hatte. 1993 wurde die Tonhalle St.Gallen nach Renovation feierlich eröffnet. Die Stadt, der damals die Tonhalle gehörte, hatte ihn zum Kunst-am-Bau-Wettbewerb eingeladen, den der St.Galler Künstler prompt gewann.

Im Untergeschoss der Tonhalle realisierte er 13 deckenhohe Wandgemälde, ringsherum im Foyer und im Basso-Saal. Eine Woche habe er immer nachts an den Werken gearbeitet, erzählt Brunschwiler. «Das war grossartig, allein in diesem Raum, ganz in die Arbeit zu versinken.»

Die Schutzfolie ist mit dem Werk verschmolzen

Jetzt hat Leo Brunschwiler genug gesehen. Er bittet den Hausmeister, der sich seit mehr als 20 Jahren um die Tonhalle kümmert, um eine Leiter, schiebt Tische und Stühle beiseite. «Bitte nicht schieben, das verkratzt den Boden», sagt der Hausmeister. Leo Brunschwiler klettert auf die Leiter. Ratsch, reisst er die Plastikfolie runter.

Es tut weh beim Zuschauen. Ganze Bahnen von Acryllack reisst es mit runter, Farbe und Kunst blättern ab. Die Planen wurden mit Bostitch ins Bild geheftet, mit Klebeband auf dem Bildrand befestigt. Brunschwiler klettert runter, reisst weiter. Die Plastikfolie ist mit dem Kunstwerk an manchen Stellen verschmolzen. Ratsch, wieder wird Lack abgerupft. Ratsch, wieder ein Teil vom Kunstwerk weg. Brunschwiler schafft Tatsachen: «Das ist alles fake. Es gibt nichts mehr zu schützen!»

Die Plastikfolie ist mit dem Wandbild verschmolzen, Lack und Farbe reisst es mit runter.

Die Plastikfolie ist mit dem Wandbild verschmolzen, Lack und Farbe reisst es mit runter.

Bild: Nik Roth

Leo Brunschwiler atmet auf. Vorher sah das Foyer im Untergeschoss wie eine Baustelle aus. Jetzt strahlen seine Bilder in den Raum hinaus. Obwohl sie zerstört sind, haben sie eine rohe Kraft. Vier seiner 13 Wandpaneele hat er aus dem Gefängnis befreit, so empfindet er es. Die anderen neun hängen weiterhin hinter Plastik.

Der Raum, den er damals ausgestaltete, hat seine ursprüngliche Funktion verloren. Bald nach Wiedereröffnung der Tonhalle wurde er wegen Platzmangel umgenutzt als Lagerraum fürs Restaurant Concerto und fürs Sinfonieorchester. Im Foyer wurden zur Olma-Zeit Partys gefeiert, «reine Bierschwemmen», erinnert sich ein Besucher. Harasse hackten Macken in die Wandbilder, Partygänger beschmierten und bekritzelten die Bilder.

Im Untergeschoss der Tonhalle wurden Partys gefeiert, Besucher beschmierten die Wandbilder.

Im Untergeschoss der Tonhalle wurden Partys gefeiert, Besucher beschmierten die Wandbilder.

Bild: Nik Roth

Eine Sanierung? Kann er sich nicht vorstellen

Warum kümmerte sich niemand? Bei der Stadt kann keiner Auskunft geben, alle Unterlagen seien 2010 an den Kanton übergegangen, als dieser Theater und Tonhalle übernahm. Werner Binotto, Leiter des kantonalen Hochbauamts, antwortet per E-Mail: Die Werke seien ursprünglich nicht geschützt gewesen und hätten nutzungsbedingt stark gelitten. Die Stadt habe dies frühzeitig erkannt, habe Schutzmassnahmen ergriffen und Folien auf die Wände aufziehen lassen, die den damaligen Zustand konservierten. Wann, weiss er nicht. Diesen Zustand habe der Kanton bei der Übernahme der Tonhalle angetreten. Das Gutachten der Restauratorin war ernüchternd, «hat uns aber in der Haltung bestärkt, derzeit keine weiteren Massnahmen einzuleiten».

Leo Brunschwilers Werke verharren im Dornröschenschlaf. Im Lagerraum, im Proberaum, und bald hinter Garderoben des Opernchors, wenn das Theater während des Umbaus teils in die Tonhalle zieht.

Kunst hinter Plastik auch im Probe- und Lagerraum der Schlagwerker des St.Galler Sinfonieorchesters.

Kunst hinter Plastik auch im Probe- und Lagerraum der Schlagwerker des St.Galler Sinfonieorchesters.

Bild: Nik Roth

«Für mich ist das einfach traurig, zu sehen, wie respektlos mit meinem Werk umgegangen wird», sagt Brunschwiler. Diese Nicht-Wertschätzung grenze an Rufschädigung. «Das Werk ist in seiner Integrität zerstört, es ist nicht mehr lesbar», sagt er. Eine Sanierung kann er sich nicht vorstellen. Ihm wäre es am liebsten, wenn die Wandbilder weiss übermalt würden.

Werner Binotto schreibt, dies könne er nachvollziehen. Wenn eine Erneuerung der Tonhalle anstehe, könne man diese Variante in Betracht ziehen. Wann das sein werde, kann er aber nicht sagen.

Aktuelle Werke von Leo Brunschwiler sind ab März gleich an zwei Orten zu sehen: Die Galerie Kunstraum Egg (22.3.-10.5.2020) veranstaltet gemeinsam mit dem Museum Bickel Walenstadt (29.3.-24.5.) eine Doppelausstellung zum Thema «Kima - Klimawandel - Klimaschutz». Beteiligt sind 25 zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen vor allem aus dem deutschsprachigen Raum.

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