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Rorschacher Komponistin ist gegen Frauenquote in der Musik

Kyra Steckeweh porträtiert in ihrem Film «Komponistinnen» vier Frauen, die komponieren. Die Rorschacherin Trudi Strebi schreibt Jazzmusik – und hatte nie das Gefühl, ihr Frausein stehe ihr als Musikerin im Weg.
Bettina Kugler
«In der Schweiz können die wenigsten Musiker vom Spielen oder Komponieren leben», sagt Trudi Strebi. (Bild: Urs Bucher)

«In der Schweiz können die wenigsten Musiker vom Spielen oder Komponieren leben», sagt Trudi Strebi. (Bild: Urs Bucher)

Mozart, Schubert. Tschaikowsky, Chopin. Prokofjew, Rachmaninow. Nach langer Suche: Louise Farrenc. Schon mal gehört? Es ist der einzige Frauenname unter den Komponisten im neuen Programm des Sinfonieorchesters St.Gallen für die Saison 2019/20. Louise Farrenc lebte von 1804 bis 1875, sie war Pianistin und Professorin am Pariser Conservatoire.

Gespielt wird ihre Sinfonie Nr. 3 g-Moll, in einem Konzert, dessen Leitung für einmal eine Frau hat: die Dirigentin Anja Bihlmaier. Unter den hundert meistbeschäftigten Dirigenten weltweit sind immerhin fünf Frauen. Unter den hundert meistgespielten Komponisten – keine einzige. Dabei verzeichnet das Frankfurter Archiv «Frau und Musik» 1800 Komponistinnen.

Den Frauen fehlte die ­öffentliche Beachtung

Dass sie kein einziges Werk einer Komponistin im Repertoire hat, fiel auch der Pianistin Kyra Steckeweh eines Tages auf, und sie machte sich auf die Suche nach Gründen. In Archiven und Bibliotheken stiess sie zum einen auf einen grösstenteils ­ungehobenen musikalischen Schatz, anderseits auf Biografien, die aufzeigen, gegen welche Widerstände komponierende Frauen lange Zeit ankämpfen mussten.

Vier davon porträtiert sie in ihrem Film «Komponistinnen», der jetzt im Kino zu sehen ist: Fanny Hensel-Mendelssohn, Emilie Mayer, Mel Bonis und Lili Boulanger. Sie wurden, wenn überhaupt, «zur Zierde» ausgebildet, nicht mit dem Ziel, die Musik zum Beruf zu machen. Sie sollten in einem bürgerlichen Haus Ehefrau, Mutter und Gastgeberin sein. Ihre Werke wurden selten gedruckt und aufgeführt; so fehlte ihnen die öffentliche Beachtung.

Im Jazz ist das kaum anders als in der klassischen Musik. Doch Trudi Strebi, Komponistin und Flötistin, hat dennoch nie das Gefühl gehabt, ihr Frausein stehe ihr im Weg. Wir besuchen sie zu Hause in Rorschach, sitzen mit ihr im kleinen Arbeitszimmer mit Seeblick, wo ihre Stücke entstehen. Sie hat dafür Förder- und Werkbeiträge erhalten, wurde bei internationalen Wettbewerben mit Preisen ausgezeichnet. «Ob männlich oder weiblich, das spielt beim Komponieren überhaupt keine Rolle», sagt sie. «In der Musik gibt es laut und leise, langsam und schnell ... Es geht um Qualität, und die ist geschlechtsunabhängig.»

Sie wusste schon früh, dass sie komponieren will. Lächelnd erzählt sie von einem Bilderbuch, das sie als Kind gezeichnet hat, «Von den Noten und den Pausen». Studiert hat Trudi Strebi in Boston bei Bob Brookmeyer und dabei viel Ermutigung erfahren. «Komponistin zu werden, war eine Entscheidung, die ich für mich selbst getroffen habe. Aber es gab Türöffner – Persönlichkeiten wie etwa die Komponistin Maria Schneider mit ihrem Jazzorchester. Sie hat mir Mut gemacht.»

Zu wenig Auftrittsmöglichkeiten – auch für Männer

Aufs Flötespielen könnte sie verzichten, die Bühne ist ihr nicht wichtig – das Schreiben dagegen schon. Es geht ihr dabei nicht um kommerziellen Erfolg und darum, Geld zu verdienen, sondern um ihre persönliche Vision. «Ich weiss, dass ich als Komponistin etwas völlig Unzeitgemässes mache, wenn ich hier sitze und ganz allein an etwas schaffe. Aber es entspricht mir.»

Von dieser «Ausdrucksnotwendigkeit» erzählen auch die Lebensbilder in Kyra Steckewehs Film. Doch Männer haben es gegenwärtig kaum leichter, findet Trudi Strebi. Sie sagt:

«In der Schweiz können die wenigsten Musiker vom Spielen oder Komponieren leben.»

«Es gibt immer mehr ausgebildete Leute und immer weniger Auftrittsmöglichkeiten.» Die Frauenfrage sei eine grosse Baustelle, ja. Doch Musik und Politik sind für sie getrennte Welten. «Eine Quote kann man im Parlament einführen. In Konzertprogrammen wirkt es aufgesetzt, wenn es nicht inhaltliche Verbindungen und Zusammenhänge gibt.»

Man könne genauso gut darüber diskutieren, warum so wenig zeitgenössische Musik gespielt werde – abge­sehen von Uraufführungen. «Wenn neue Musik Publikum anzieht, dann müssen es Uraufführungen sein», sagt sie, «dabei sind die oft schlecht und geben einen völlig falschen Eindruck vom Werk.»

In der Gegenwart finden Komponistinnen immerhin die Aufmerksamkeit, die ihre Werke verdienen. Gerade erst hat die 1967 in London geborene, in Berlin lebende Komponistin Rebecca Saunders den mit 250'000 Euro dotierten Siemens Musikpreis erhalten, als zweite Frau überhaupt nach der Geigerin Anne-Sophie Mutter. Komponistinnen wie Sofia Gubaidulina, Adriana Hölszky, Isabel Mundry werden zu Festivals eingeladen und sind medial präsent.

Wo immer Frauen Programme gestalten, stehen sie verstärkt im Fokus – etwa an der Schlossmediale Werdenberg. Dieses Jahr war es die Südtirolerin Manuela Kerer, Jahrgang 1980. Dass sie eine Frau sei, öffne ihr manche Tür, erzählte sie im Künstlerinnengespräch: Da sei die Neugier grösser und die Aufmerksamkeit. Nach wie vor sind komponierende Frauen etwas Besonderes.

Hinweis
: «Komponistinnen» von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren: Do, 11.7., 19.30 Uhr; weitere Termine bis 1.8. siehe www.kinok.ch

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