Tod lässt sich selten manipulieren

Musiker David Bowie ist drei Tage nach seinem Geburtstag gestorben. Und hat kurz zuvor ein neues Album herausgegeben. Da drängt sich die Frage auf: Ist der Tod aufschiebbar, bis Wichtiges erlebt und abgeschlossen ist?

Diana Hagmann-Bula
Drucken
Teilen
Soziale Aspekte können den Todeszeitpunkt beeinflussen: Scheidet der langjährige Lebenspartner aus dem Leben, steigt das Sterberisiko für den zurückgebliebenen für einige Zeit. (Bild: fotolia/Gabriele Rohde)

Soziale Aspekte können den Todeszeitpunkt beeinflussen: Scheidet der langjährige Lebenspartner aus dem Leben, steigt das Sterberisiko für den zurückgebliebenen für einige Zeit. (Bild: fotolia/Gabriele Rohde)

Fragt man Menschen, wie sie sterben möchten, antworten sie oft: im Schlaf, schmerzlos, während der Lieblingsbeschäftigung. Doch der Tod kommt meist anders, nach einer Krankheit etwa. Auch David Bowie litt an Leberkrebs, eineinhalb Jahre kämpfte er gegen ihn an. Und gab drei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung seines neuen Tonträgers auf. Lässt sich der Tod hinhalten?

Diese Frage mag nach Hokuspokus klingen. Doch auch Wissenschafter haben sich damit beschäftigt. Der Soziologe David Phillips von der University of California in San Diego sei schon in den 1970er-Jahren fasziniert gewesen von der Vorstellung, dass Menschen ihren Körper anscheinend ausreichend unter Kontrolle haben, um ihr Dahinscheiden «um einen kurzen, aber oft entscheidenden Zeitraum zu verschieben», heisst es im Buch «Quirkologie – Die Wissenschaftliche Erforschung unseres Alltages». Als Beispiel führte Phillips die US-Präsidenten John Adams, Thomas Jefferson und James Monroe an. Sie alle starben am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag. Ob sie bis dann durchgebissen haben, um sich ein auffälliges Todesdatum zu sichern?

Mal feierlich, mal trist

Auch für den Geburtstag und den Tod interessierte sich Phillips. Drei Millionen Totenscheine aus Kalifornien soll er untersucht haben. Sein Fazit: Frauen segnen in der Woche nach ihrem Geburtstag häufiger das Zeitliche als in jeder anderen Woche unter dem Jahr, Männer hingegen scheiden häufiger in der Woche vor dem Geburtstag aus dem Leben. Phillips vermutete: Frauen freuen sich sehr auf ihr Wiegenfest und halten eher bis dann durch, Männer jedoch neigen dazu, Bilanz zu ziehen. Das stimme sie unzufrieden, belaste sie und sei ein Grund, noch vor dem «Freudentag» zu sterben.

Phillips Thesen mögen beeindrucken, doch sie waren umstritten. Und sind es noch immer. «Den Tod manipulieren zu können, das wäre eine tolle Geschichte. Analysiert man jedoch grössere Datensätze, lassen sich Phillips Zusammenhänge nicht nachweisen», sagt Vladeta Ajdacic-Gross, Soziologe und Privatdozent an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Mit seinem Team fand er heraus: Der Geburtstag ist sogar tödlicher als jeder andere Tag. Das Risiko, Suizid zu begehen, steige bei Männern um 35 Prozent. Es komme um 29 Prozent häufiger zu tödlichen Stürzen. Ausserdem sei die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen an einem Herzinfarkt sterben, um 22 Prozent höher. Über die Gründe könne er nur mutmassen, sagt Ajdacic-Gross: «Bei Männern Alkohol und bei Frauen Stress, beides typisch für einen Geburtstag, werden das Ihre dazu beitragen.»

Einstellung ohne Einfluss

Eine schwerkranke Mutter, die unbedingt den Lehrabschluss ihres Sohnes erleben will, sich darauf einstellt und mitfeiern kann: Auch Christoph Hürny, ehemaliger Chefarzt der Geriatrischen Klinik St. Gallen, glaubt nicht an ein verbreitetes Phänomen. «In Einzelfällen aber ist das durchaus möglich», sagt er. Seit über 40 Jahren befasst sich der St. Galler mit der Frage, ob und wie sehr soziale und psychische Faktoren den Verlauf einer Krankheit beeinflussen. Noch in den 1950er-Jahren hatten Ärzte, so Hürny, einen Krebspatienten nicht über die Diagnose aufgeklärt, in den 70er-Jahren dann erfuhr der Betroffene von seiner Krankheit. Mediziner interessierten sich nun dafür, wie die Art zu verarbeiten sich auf den Verlauf auswirkte. «Ob der Patient den Krebs bekämpfte, verleugnete, akzeptierte oder ob er resignierte: Man entdeckte keine Unterschiede, die sich als positiv oder negativ erwiesen», weiss Hürny. In den 90er-Jahren schliesslich wollten Forscher herausfinden, welchen Effekt Psychotherapie auf Brustkrebspatientinnen hat. «Es zeigte sich, dass sich die Frauen zwar besser fühlten, weil sie sich über ihre Ängste austauschen konnten. Sie lebten aber nicht länger.»

Soziales beeinflusst den Tod

Es gibt sie aber, die beeinflussenden Faktoren: die soziale Herkunft etwa. «Praktisch jede Krankheit kommt in den unteren Schichten häufiger vor. Und besser situierte Patienten leben meist länger als andere», sagt Hürny. Vermutlich habe das damit zu tun, dass sich Vermögendere eine bessere Behandlung leisten könnten, mehr Geld für gesundes Essen hätten.

Auch das soziale Umfeld könne eine Rolle spielen beim Todeszeitpunkt, sagt Karen Nestor, Oberärztin am Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen: «Wir wissen, dass für Menschen, die soeben einen geliebten Partner verloren haben, in den Wochen danach ein erhöhtes Sterberisiko besteht.» Umgekehrt glaube sie, dass es in einzelnen Fällen möglich sei, «den eigenen Tod ein wenig hinauszuzögern, wenn man ein wichtiges Ziel vor Augen hat». Das sei aber weniger eine Frage des Willens als der Gesamtkonstitution, «zu der auch die seelischen Widerstandskräfte beitragen».

«Die Kraftquellen finden»

Ein solcher Patient schöpfe alle medizinischen Mittel aus, während andere sie ablehnen würden. «Er zapft eigene Kräfte nochmals an. Kaum ist der angestrebte Moment vorbei, kann eine rasante Abwärtsbewegung einsetzen», sagt Nestor. Deshalb versuche man, den Patienten nicht auf die Krankheit zu reduzieren. «Wir finden heraus, wo seine Kraftquellen liegen, welches seine Bezugspersonen sind.» Eine Garantie, dass sich der Hinschied so verschieben lasse, gebe es nicht. «Aber eine verbesserte Lebensqualität bis zum Ende ist häufig möglich.»

Aktuelle Nachrichten