«Tiere waren mir näher als Menschen»

Auf einen Kaffee mit … Rumi Fukumoto

Christina Genova
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Endlich zu Hause: Die japanische Künstlerin Rumi Fukumoto arbeitet in der Kunstgiesserei St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Endlich zu Hause: Die japanische Künstlerin Rumi Fukumoto arbeitet in der Kunstgiesserei St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Es dämmert, als wir uns in Rumi Fukumotos Atelier im St. Galler Kulturkonsulat treffen. Eine Kaffeemaschine fehlt, aber es gibt einen Wasserkocher und Tee. Doch erst am Ende unseres intensiven Gesprächs nehmen wir uns Zeit, einen Tee zu trinken. Das kleine Zimmer der 36-jährigen Japanerin im ehemaligen italienischen Konsulat wird von zauberhaften Fabelwesen und filigranen Figürchen bevölkert. Manche davon verströmen ein zartes Leuchten. Auf dem breiten Rücken eines etwa fünf Zentimeter grossen Tierchens haben zwei Gestalten an einem rot glühenden Lagerfeuer Platz genommen. Zwei Figuren mit leuchtenden Herzen sitzen einander auf stelzenartigen Stühlchen gegenüber.

Das grösste Wesen in Rumis Atelier heisst Ieji, misst etwa einen halben Meter und erinnert an ein Reh. Auf dem Kopf trägt es ein Häuschen, aus seinem Schwanz wächst eine Lampe. Ieji gibt es auch in einer Miniversion. Sobald man das Häuschen auf den Kopf stellt, geht das Licht an. Rumi nennt diese Serie poetischer Objekte, die ein Hauch von Melancholie umgibt, «The Way Home». Sie erzählen von der Sehnsucht, sich zugehörig zu fühlen. Vergangenen September waren sie im Kunstraum 4? in St. Gallen ausgestellt.

Gefühle der Verlorenheit sind Rumi Fukumoto seit ihrer Kindheit vertraut: «Ich fühlte mich wie ein Alien. Tiere waren mir näher als Menschen.» Aufgewachsen ist Rumi in den Grossstädten Kobe und Kioto. Sie studierte an der Universität für Kunst und Design in Kioto. Doch als Künstlerin in Japan zu überleben erwies sich als schwierig. Elf verschiedene Berufe übte sie nach Studienabschluss aus; unter anderem war sie Lastwagenfahrerin, Antiquarin und Mitarbeiterin eines Beerdigungsinstituts. Als das Geld vor zwei Jahren wieder einmal knapp war, eröffnete Rumi ein Airbnb, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Einmal war auch ein Paar aus der Schweiz bei ihr zu Gast. Erst 30 Minuten vor dessen Abreise kamen sie ins Gespräch, und Rumi erfuhr, dass der Mann in der Kunstgiesserei St. Gallen arbeitet. Sie erzählte ihm, dass sie seit längerem erfolglos versuchte, ihr Mini-Ieji als grösseres ­Objekt zu produzieren. «Kein Problem, das machen wir in der Kunstgiesserei», sagte ihr der Mann. Man blieb in Kontakt, und Rumi erhielt einen Kostenvoranschlag, doch der Preis war für sie unbezahlbar. Ein paar Monate verstrichen, da kam ein E-Mail aus der Schweiz mit der Einladung, das Ieji im Rahmen eines dreimonatigen Praktikums herzustellen. Rumi Fukumoto schloss ihr Airbnb und reiste nach St. Gallen. Und etwas Seltsames geschah: Rumi kam es vor, als hätte sie schon immer hier gelebt. Sie, die sich in Japan immer fehl am Platz gefühlt hatte, ist endlich angekommen: «Hier fühle ich mich zu Hause.»

Mittlerweile verfügt Rumi ­Fukumoto über ein einjähriges Arbeitsvisum, hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine eigene, kleine Wohnung und arbeitet Vollzeit in der Kunstgiesserei. «Ich möchte in St. Gallen bleiben und Schweizerin werden», sagt Rumi. Doch sie weiss, dass das nicht einfach ist: «Ich versuche, nicht zu hohe Erwartungen zu haben.»

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch