Thurgauer Kulturhöhepunkte 2019: Diese Produktionen, Ausstellungen und Menschen haben von sich reden gemacht

Bemerkenswertes von Bühne, Kunst, Literatur, Film und Musik aus dem Kanton Thurgau.

Christina Genova, Dieter Langhart, Julia Nehmiz, Martin Preisser
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Elisabeth Binder signiert nach der Lesung im Literaturhaus Thurgau ihr Buch «Im Prinzip Liebe».

Elisabeth Binder signiert nach der Lesung im Literaturhaus Thurgau ihr Buch «Im Prinzip Liebe».

Dieter Langhart

Dichter, Denker und die Unermüdlichen

Dem Thurgau fehlt es nicht an Literaten und Literatur. 2019 war ein reiches, spannendes und vielversprechendes Jahr.

«Im Anfang war das Wort.» Johannes ahnte nicht, wie wichtig das Wort dem Thurgau ist, diesem Kanton, der sein Licht gern unter den Scheffel stellt – auch in Sachen Kultur. Die Thurgauer schreien einander nicht an, sie reden miteinander; die Thurgauer brüsten sich nicht ihrer Taten, sie tun einfach. Dies gilt vor allem für die Schriftsteller und die Verleger – und für das ­Literaturhaus Thurgau in Gottlieben. Marianne Sax hat das Bodmanhaus auf Vordermann ­gebracht, der Amriswiler Litera turvermittler Gallus Frei-Tomic übernimmt die Leitung kommenden Sommer.

Hier in Gottlieben oder an den Lyriktagen in Frauenfeld lesen auch die grossen und die vielversprechenden Thurgauer Autoren: der Weinfelder Lakoniker Peter Stamm; Zsu­zsanna Gahse, die ihrem Wohnort Müllheim einst ein Buch gewidmet hat und heuer den Schweizer Grand Prix Literatur gewann; Tabea Steiner, die es mit ihrem ersten Roman «Balg» auf die Buchpreisliste schaffte. Andrea Gerster ist in Klagenfurt knapp unterlegen, Michael Stauffer alias Dichterstauffer hat einen ARD-Hörspielpreis gewonnen. Elisabeth Binder, in Bürglen aufgewachsen, las in Gottlieben am 28. August – just an Goethes 270. Geburtstag – aus ihrem neuen Buch «Im Prinzip Liebe». Darin erzählt sie die Geschichte des «West-östlichen Divans», die Geschichte von Goethes später Liebe. Und dann ist da Urgestein Beat Brechbühl, der unermüdliche Brückenbauer zwischen den Wortwelten. Im Juli wurde er 80.

Der Frauenfelder aus dem bernischen Oppligen hat «Schnüff» und «Kneuss» erfunden und Jung und Alt begeistert. Auch mit achtzig schreibt er mit seinen Gedichten weiter gegen das Weh der Welt an, pflegt weiter die Schwarze Kunst als Setzer und Drucker im Atelier Bodoni, ­organisiert jedes Jahr eine Messe: in den geraden Jahren die Buch- und Druckkunstmesse in Frauenfeld, in den ungeraden «Papier und was» in Gottlieben.

Brechbühl hat mit dem Lyriker und Essayisten Jochen Kelter aus Ermatingen die Frauenfelder Lyriktage gegründet und gibt in seinem Waldgut-Verlag Buch-Preziosen heraus, um die sich sonst keiner kümmert. Voller Wehmut hingegen haben Elisabeth Tschiemer und Ekkehard Faude ihren Libelle-Verlag in Lengwil nach vierzig Jahren eingestellt. «Es war eine überaus interessante Zeit», sagten sie. «Wir haben unseren Teil beigetragen, nun machen Jüngere weiter. Es gibt viel Spannendes in der Branche: Neue Verlage starten mit anderen Konzepten und neuen Ideen für den Vertrieb.»

Einer dieser Verlage ist Pascal Beers Muskat Media in Zihlschlacht. Er segelt unter dem Label «Neues aus der Gosse» und hat bisher eine Handvoll Bücher herausgegeben. Erst als Trägerverein existiert der neue Verlag Saatgut. Er will sich des Thurgaus und seiner Autoren und Themen gezielt annehmen. Denn längst ist der Frauenfelder Traditionsverlag Huber Geschichte, lebt nur noch weiter in der Reihe «Reprinted by Huber», die bei Theodor Gut in Zürich untergekommen ist. Die erste Saat soll im Frühling aufgehen.

Frauenpower in der Klassik: Drei Musikerinnen machten Schlagzeilen im Bereich zeitgenössischer Musik

Die Komponistin Helena Winkelman und der Cellist Nicolas Altstaedt in der Kartause Ittingen.

Die Komponistin Helena Winkelman und der Cellist Nicolas Altstaedt in der Kartause Ittingen.

Bild. Reto Martin

Zum 25. Geburtstag der hochkarätigen Ittinger Pfingstkonzerte bekam eine Komponistin den Zuschlag für eine Auftragskomposition, die aus Schaffhausen stammende Helena Winkelman. Im Moment ist sie sicher eine der gefragtesten Komponistinnen der Schweiz. Sie hat für den diesjährigen und nächstjährigen künstlerischen Leiter der Ittinger Pfingstkonzerte, Nicolas Altstaedt, ein Cellokonzert geschrieben.

Das Werk mit dem Titel «Atlas» mache der «wilden Fantasie der griechischen Mythologie alle Ehre», beschrieb unsere Zeitung die Uraufführung in der Kartause. Reine Musik sei in diesem Cellokonzert genauso fesselnd zu erleben wie aussermusikalische Assoziationen, die Winkelman mit ihren Klängen anbiete.

Zwei mutige, vielseitige Grenzüberschreiterinnen

Frauenpower gab es nicht nur im kompositorischen Bereich, sondern auch im Bereich der Interpretation zeitgenössischer klassischer Musik. Zwei aus dem Thurgau stammende Musikerinnen, die Pianistin Simone Keller und die Sängerin Irina Ungureanu, erhielten je einen der sieben diesjährigen Förderpreise der Internationalen Bodensee Konferenz, die 2019 die Sparte Interpretation zeitgenössische Musik auszeichnete. Simone Keller erhielt zusätzlich den Preis der Jugendjury.

Beide Musikerinnen sind mutige, engagierte und vielseitige Grenzüberschreiterinnen, nicht nur was ihre Stilbreite und die Palette der Performances in der zeitgenössischen Musikszene angeht. So beschreitet Simone Keller, eine für viele Uraufführungen angefragte Künstlerin, auch ganz neue Wege bei der Vermittlung von Musik: von Kindern bis zu Senioren, aber auch mit Strafgefangenen, die über das Musikmachen eine neue Seite an sich erleben können.

Zeitgenössische Musik wähnt man gemeinhin oft im Elfenbeinturm. Mit diesen drei Musikerinnen ist sie weit weg von ihm, vielleicht nicht der letzte Grund für deren Erfolg, sei es schreibender, sei es interpretierender Weise. (map)

Spitzenhäubchen überall

Das See-Burgtheater Kreuzlingen spielte Arsen und Spitzenhäubchen am Bodenseeufer.

Das See-Burgtheater Kreuzlingen spielte Arsen und Spitzenhäubchen am Bodenseeufer.

Bild: Mario Gaccioli

Seit 2500 Jahren werden Theaterstücke verfasst. Aischylos gilt als der Autor des ältesten überlieferten Theatertextes. Seit seiner Tragödie «Die Perser» (uraufgeführt 472 v. Chr.) wird geschrieben und gedichtet, dass sich die Bühnen biegen. Wie viele Theaterstücke verfasst wurden, weiss aber nicht mal Google. Es sind wahrscheinlich zu viele.

Aus dieser unerschöpflichen Fülle haben sich zwei Thurgauer Bühnen genau dasselbe Stück ausgesucht. Und erst gemerkt, dass sie beide «Arsen und Spitzenhäubchen» programmiert haben, als es zu spät war. Die Schuld auf den Verlag zu schieben, der weder das See-Burgtheater Kreuzlingen noch die Schlossfestspiele Hagenwil warnte, erwies sich als Bumerang. Man informiere nur professionelle Bühnen, wenn ein Theater in der Nähe am selben Stoff interessiert sei, hiess es vom Verlag. Bäm.

Der Verlag war fein raus, er bekam zweimal Tantiemen. Und die Theatermacher? Bogen sich den Lapsus zurecht: Wann kann man schon mal einen Aufführungsvergleich direkt vor der Haustür erleben! Ende gut, alles gut? Wenn sich die Theatermacher künftig absprechen, dann auf jeden Fall. (miz)

Der Frauenfelder Kameramann Peter Indergand.

Der Frauenfelder Kameramann Peter Indergand.

Bild: PD

Grosse Preise für Thurgauer Künstler

Grosse Ehre für den Frauenfelder Kameramann Peter Indergand. Der 62-Jährige wurde für seine Leistung im Dokumentarfilm «Eldorado» im März mit dem Schweizer Filmpreis «Besten Kamera» ausgezeichnet. «Eldorado» war ein Herzensprojekt, sagte Indergand an der Preisverleihung in Genf.




Opernregisseur Jossi Wieler mit der Urkunde des Thurgauer Kulturpreises. Regierungsrätin Monika Knill zollt Wieler Beifall.

Opernregisseur Jossi Wieler mit der Urkunde des Thurgauer Kulturpreises. Regierungsrätin Monika Knill zollt Wieler Beifall.

Bild: Andrea Stalder

Er ist ein Weltbürger, und doch hat er die Heimat seiner Kindheit nie vergessen: Jossi Wieler. Der gebürtige Kreuzlinger Jossi Wieler erhielt im August den Thurgauer Kulturpreis. Der international gefeierte Opernregisseur freute sich riesig. Es sei etwas Kostbares, diese Verbundenheit mit der Heimat zu spüren, sagt er, als er von der Auszeichnung erfuhr.

Die Werkschau Thurgau war das Kunstereignis des Jahres

Christoph Rütimanns Performance« Eine Einigelung unterwegs» vor der Kunsthalle Arbon.

Christoph Rütimanns Performance« Eine Einigelung unterwegs» vor der Kunsthalle Arbon.

(Bild: Reto Martin)

Alle wollten dabei sein, nur wenige schafften es. 32 Thurgauer Kunstschaffende konnten die Jury überzeugen und ihre Arbeiten an der Werkschau zeigen, dem Kunstereignis des Jahres im Kanton Thurgau. Anders als vor zwei Jahren wurde die jurierte Gruppenausstellung nurmehr an vier, statt an sieben Standorten durchgeführt. So hatten Kunstinteressierte die Chance, in den drei Wochen Dauer alles zu besichtigen.

Zwei Ausstellungsorte durften 2019 runde Geburtstage feiern: The View in Salenstein gibt es seit zehn Jahren, Adrian Bleisch betreibt bereits seit 25 Jahren seine Galerie in Arbon. Die Galerie Widmer Theodoridis hingegen hat zwar ihre Tore in Eschlikon geschlossen. Doch im «Horst» beim Bahnhof organisieren die Galeristen Jordanis Theodoridis und Werner Widmer bis im August monatlich eine Ausstellung. (gen)

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