Die Nacht ist jung und ein «Schisshas»: Die Thurgauer Autorin Tanja Kummer schreibt ihr erstes Bilderbuch

Nach ihrem Kinderroman nun ein Vorlesebuch: Tanja Kummer legt mit «Anna und die Nacht» ein nachtschwarz-schönes Bilderbuch zum Staunen und Entdecken vor. Inspiriert hat sie dazu eine Redewendung. 

Bettina Kugler
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Die Thurgauer Schriftstellerin Tanja Kummer liebt Lyrik. Die Reaktionen auf ihren ersten Kinderroman ermutigten sie, weiter für Kinder zu schreiben. (Bild: Reto Martin)

Die Thurgauer Schriftstellerin Tanja Kummer liebt Lyrik. Die Reaktionen auf ihren ersten Kinderroman ermutigten sie, weiter für Kinder zu schreiben. (Bild: Reto Martin)

Manchmal beflügelt ein beiläufig dahergesagter Satz die Fantasie und lockt auf Entdeckungstour. So wie in Tanja Kummers gerade erschienener Geschichte «Anna und die Nacht», dem ersten Text der in Frauenfeld geborenen Schriftstellerin und Teilzeitbuchhändlerin für Kinder ab vier, im Vorlesealter.

«Lass uns gehen», sagt Annas Papa da zu seiner Frau in hochhackigen Schuhen und Ausgehgarderobe, «die Nacht ist noch jung.» Annas Neugier ist geweckt. Kaum sind die Eltern aus dem Haus und die Babysitterin am Handy, klettert sie aus dem Fenster und macht Bekanntschaft mit der Nacht. Die ist tatsächlich jung, geradezu «bubig»: ein scheues, flüchtiges Wesen, ein «Schisshas» und ziemlich wehleidig. Wer hätte das gedacht?

Auch Grosse entdecken im Buch die Nacht neu

Geschrieben hat Tanja Kummer den Text tagsüber, die zündende Idee ist ebenfalls kein Nachtgedanke, und unser Treffen findet zur Espressozeit nach dem Mittag statt: an einem Tag, der nicht mehr blutjung ist, aber noch frisch genug für Neues.

Am Abend zuvor war Buchtaufe in Zürich: graues Novemberwetter, die richtige Stimmung für nächtliche Geschichten und Jazzstandards aus dem Great American Songbook, gesungen von Afra Jemina. Dazu die nachtschwarzen, witzig-tiefgründigen Bilder von Daniela Rütimann, auf eine Leinwand gebeamt, als Bilderbuch zum Eintauchen – da konnten auch Grosse die Dunkelheit neu kennen lernen, über sie staunen und lachen.

«Ich mag die Ruhe der Nacht», sagt Tanja Kummer.

«Die Zeit dehnt sich, man nimmt Dinge wahr, die im geschäftigen Lärm untergegangen sind, den rauschenden Regen zum Beispiel.»

Um diese Zeit liest sie gern, am liebsten Bücher, die intelligent unterhalten. «Manche fesseln mich so, dass ich nicht aufhören kann. Ich habe schon Verabredungen abgesagt, um weiterlesen zu können.» Nachts ist das nicht nötig. «Ich habe unendlich Zeit», sagt die Nacht in Tanja Kummers Geschichte zu Anna, die mit ihr spielen will.

Ihr Kinderroman: einfühlsam und skurril zugleich

Erst letztes Jahr kam der Kinderroman «Cat Cat» heraus, die Geschichte eines Mädchens, das faucht und «kätzisches» Verhalten annimmt, um seinen Platz zu finden in der neuen Stadt, der neuen Schule, an der Seite einer traurigen Mutter zu Hause. Die Reaktionen auf das Buch zeigten Tanja Kummer, dass sie es kann: erzählen für Kinder, ohne sich zu verbiegen, einfühlsam und skurril zugleich, mit einem Dreh ins verspielt Surreale.

Schon bei «Cat Cat» hat sie nicht überlegt, was Zehnjährige wohl gern lesen oder was sich gut verkauft – obwohl sie in der Buchhandlung Barth im Zürcher Hauptbahnhof direkten Kontakt zu Leserinnen und Vorlesern hat. Sie schätzt ihren Nebenjob, denn er erdet sie und gibt ihr die Freiheit, beim Schreiben eigenen Ideen und Interessen zu folgen, Geschichten zu schreiben, die sie selbst gern lesen würde – oder als Kind gern gelesen hätte, neben all dem, was die Bibliothek zu bieten hatte: Astrid Lindgren, Michael Ende, Enid Blyton, Kurt Held.

Ihr Herz hängt an Lyrik

«Ich habe mir nicht vorgenommen, nach dem Kinderroman als nächstes eine Bilderbuchgeschichte zu schreiben», sagt sie. «Vielmehr war es wirklich die Redewendung, die mich inspiriert hat.» Wenn sie Schreibkurse gibt, ist oft ein Sprachbild der Ausgangspunkt für Assoziationen oder Anreiz, eine verborgene Geschichte aufzuspüren.

Sie selbst begann mit Lyrik, schon als Zwölfjährige, und noch immer ist Lyrik die Form, an der Tanja Kummers Herz hängt. Einundzwanzig war sie, als ihr erster Gedichtband erschien, «vermutlich vollmond», verlegt von Ivo Ledergerber.

Dass Lesen an Bedeutung verliert, befürchtet sie nicht – in der Buchhandlung gibt es an sieben Tagen der Woche viel neugierige Kundschaft, oft sogar mit etwas Zeit im Reisegepäck. Als Autorin gibt sie sich dort nicht zu erkennen. Doch wenn eines ihrer Bücher verlangt wird: umso schöner.

Tanja Kummer: «Anna und die Nacht» (ab vier), Baeschlin Verlag, 32 S.

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