THRILLER: Verführt, dominiert, getäuscht

Ein erotisch-sinnliches Puzzle oder eine Männerfantasie? Selbst wenn man sich darüber streiten will, «The Handmaiden» von Park Chan-wook ist ein raffiniertes Thriller-Meisterstück.

Andreas.stock@tagblatt.ch
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Wer täuscht hier wen? Die Lady (Kim Min-hee) und ihr Dienstmädchen Sookee (Kim Tae-ri) in «The Handmaiden». (Bild: Spoton/PD)

Wer täuscht hier wen? Die Lady (Kim Min-hee) und ihr Dienstmädchen Sookee (Kim Tae-ri) in «The Handmaiden». (Bild: Spoton/PD)

Nach dem ersten Kapitel glaubt man sich noch auf festem Boden. Zumal eine frühe Rückblende das trügerische Gefühl vermittelt, wir wüssten, was hier gespielt wird. Die junge Sookee kommt zu einem abgelegenen Anwesen, wo sie als Dienstmädchen der jungen, schönen Lady Hideko antritt. Hideko, die das Anwesen seit ihrem fünften Lebensjahr nie verlassen durfte, ist ein wenig neurotisch. Sehr bald wird mit der erwähnten Rückblende klar, dass Sookee nicht bloss eine etwas naive, devote Dienerin ist. Sie spielt vielmehr überzeugend eine Rolle. Aufgewachsen im Kreis von Kleinkriminellen, wurde aus Sookee eine Taschendiebin. Und «Graf» Fujiwara, wie sich der Anführer des Kriminellenkollektivs nennt, hat Sookee dazu bestimmt, das Vertrauen von Hideko zu gewinnen und sie zu beeinflussen, sich in den «Grafen» zu verlieben, der sich als Zeichenlehrer einschleichen will. Denn Hideko wird Alleinerbin eines grossen Vermögens sein.

Während das erste Kapitel aus der Perspektive von Sookee erzählt ist, blicken wir im zweiten Kapitel nochmals aus der Sicht von Hideko auf die Ereignisse. In der Wiederholung offenbaren sich dann einige der eingefädelten Intrigen und Täuschungen, und mancher Blickwechsel und manches Gesagte oder Nichtgesagte erhält eine andere Bedeutung. Doch die wirklich überraschende Wendung folgt am Ende des zweiten Kapitels.

Ein Augenschmaus voller Reize

Nach der brutalen «Vengeance»-Krimitrilogie und seinem ersten englischsprachigen, gotischen Thriller «Stoker» kehrt Park Chan-wook mit «The Handmaiden» in seine Heimat zurück. In seiner Adaption des Romans «Solange du lügst» von Sarah Waters versetzt der Südkoreaner die im viktorianischen England spielende Geschichte in das von Japan besetzte Korea der 1930er-Jahre. Ganz lässt er «good old England» allerdings nicht hinter sich, und es ist gewiss kein Zufall, wenn man zunächst einmal an «Rebecca» von Hitchcock denkt. Zudem ist das abgelegene grosse Anwesen ein architektonischer Zwitter: Es hat einen japanischen Gebäudeteil und einen, der sich am viktorianischen Stil orientiert. Park Chan-wook scheint ebenso zu inszenieren: Asiatische Reduktion und Verschlossenheit treffen auf britische Eleganz und Zweideutigkeit, Schönheit auf Dekadenz. «The Handmaiden» ist in seiner kunstvollen visuellen Gestaltung ein Augenschmaus. Wie die Kamera durch Räume schwebt, Blicke und Gesten einfängt, die Montage den Betrachter mit allerlei Reizen bezirzt – Wolken aus Sinnlichkeit und Erotik wie ein schweres Parfüm. Und es liegt wortwörtlich im Auge des Betrachters oder der Betrachterin, ob man es noch als stylischen Sex oder als feuchte Männerfantasie ansieht. Tatsächlich dreht sich ein Aspekt der Handlung um Pornografie – wenn auch solche in kostspieligen Büchern.

Doch es geht eben auch um Liebe. Und wenn die sich im vertrackten, zweieinhalbstündigen Kammerspiel um Begehren, Verführen und Täuschen mal Bahn bricht, scheint niemand mehr verlässlich. Henri-Georges Clouzot und sein Thriller-Klassiker «Les diaboliques» kommt einem ebenso in den Sinn wie die abartigen Fantasien so manchen Bourgeois bei Luis Buñuel. Wie einst der Spanier, spielt Park Chan-wook raffiniert mit der Erwartung und Fantasie des Zuschauers. Wir glauben oft, mehr zu sehen, als uns gezeigt wird.

Andreas Stock

andreas.stock@tagblatt.ch

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