Literatur
Thriller-Königin Paula Hawkins legt einen neuen Roman vor – dicht, versponnen, beeindruckend

Paula Hawkins hat nachgelegt: Ihr neuer Wurf «Into The Water» ist noch dichter, versponnener und beeindruckender als ihr Welterfolg «Girl On The Train».

Peter Henning
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Paula Hawkins will ihren Leser mit einer neuen Thriller-Geschichte Schockmomente schenken. (Archivbild)

Paula Hawkins will ihren Leser mit einer neuen Thriller-Geschichte Schockmomente schenken. (Archivbild)

AP

Die Erfolgsbilanz des Thrillers «Girl on The Train» ist schwindelerregend: die Geschichte seiner geschiedenen Protagonistin Rachel, die auf ihren morgendlichen Zugfahrten zur Arbeit so lange von dem perfekten Leben in Glück und Harmonie fantasiert, bis sie sich in einem tödlichen Gemisch aus Ängsten, Lügen und immer irrwitzigeren Wunsch- und Wahnvorstellungen zu verlieren beginnt, wurde in 40 Sprachen übersetzt, ging 18 Millionen Mal über die Ladentische – und inspirierte Hollywood zu einer leider wenig überzeugenden Verfilmung mit Emily Blunt in der Hauptrolle. Zu Hochzeiten des «Girl on The Train»-Hypes wurden magische 20'000 Exemplare des Buches pro Sekunde verkauft, was den Roman zum am schnellsten verkauften Buch aller Zeiten machte.

Das Buch begründete ein neues Thriller-Genre, die sogenannte «Grip-Lit» – und rief sogleich erfolgslüsterne Schreiberinnen auf den Plan, die sich mit am Reissbrett ersonnenen Thriller-Hybriden ein Stück vom grossen Verkaufskuchen zu sichern versuchten. Kate Hammer mit ihrem Buch «Girl in The Red Coat» ebenso wie Gillian Flynn mit «Gone Girl» oder Jane Shemilt mit «Daughter».

Die Königin aber bleibt Paula Hawkins – und sie demonstriert in ihrem neuen Buch «Into the Water» eindrucksvoll, weshalb. Denn wo ihre Trittbretterfahrerinnen die bekannten Motive durch den Plot-Mixer jagen, um aus «alt» mal eben «neu» zu machen, da scheint Paula Hawkins von einer höheren, nämlich durchaus literarischen Mission getrieben zu sein. Und so liest sich ihr neues Buch denn auch, als sei man in eine unbekannte, mit Elementen aus der griechischen Mythologie angereicherte Folge von «Twin Peaks» oder «Bloodline» hineingeraten.

Am Saum der Vorstellungskraft

Schauplatz der verspiegelt inszenierten Ereignisse ist ein sagenumwobener, Frauen verschlingender Fluss, der sich durch das englische Kaff Beckford schlängelt; ein Ort des unbestimmten Grauens, in dem man in grauer Vorzeit Hexen ersäufte – und der Selbstmörderinnen anzieht wie die Motten das Licht. Und so schickt uns Paula Hawkins auf eine Reise an den Saum der Vorstellungskraft. Denn als die wissbegierige Nel Abbott sich eines Tages daranmacht, das Geheimnis des Flusses und seiner Toten ergründen zu wollen – und dabei selbst in den Fluten endet, betritt Julia, die nach Beckford kommt, um sich um Nels Tochter zu kümmern, den Plan – und Paula Hawkins’ Thriller kommt mächtig auf Touren.

Was sich erhebt, ist ein finsterer, elfstimmiger Chor, der uns nach und nach das Geheimnis der Toten von Beckford enthüllt – und ihrer Schöpferin am Ende zu einem echten Triumph verhilft. Denn «Into The Water» ist dichter und literarisch ambitionierter als sein Vorgänger – deswegen aber nicht weniger rasant.

«Ich stand mit dem Rücken zur Wand, als ich ‹Girl on The Train› begann, bekannte die 1972 in Simbabwe geborene Ex-Journalistin Hawkins einmal, die sich Geld bei Freunden lieh und eine Auszeit nahm, um an ihrem Roman arbeiten zu können. «Und ich dachte: wenn es mit dem Buch nicht klappt, dann war’s das. Dann muss ich wahrscheinlich bis an mein Lebensende als Journalistin arbeiten. Es war meine letzte Chance.» Sie hat sie eindrucksvoll genutzt – und das geliehene Geld unterdessen wahrscheinlich zurückgezahlt.

Paula Hawkins Into The Water. Thriller. Deutsch von Christoph Göhler. Blanvalet, München 2017. 476 S., Fr. 22.90.