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THRILLER: Die Waffe bleibt im Kofferraum

Die vier besten Krimis dieses Frühjahrs bieten originelle Storys ohne Serienkiller und Ritualmorde. Castle Freeman lässt in «Auf die sanfte Tour» den Provinzpolizisten Wing unaufgeregt ermitteln. Der Fall selbst ist dabei eher ein Nebenschauplatz.
Bettina Kugler

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Man könnte seine Methode als minimalinvasiv bezeichnen. Sheriff Lucian Wing braucht in seinem abgelegenen Revier im ländlichen Vermont keinen Streifenwagen; lieber nimmt er den Pick-up, das spart dem County noch ein bisschen Geld. Er trägt auch keine Uniform, «die Leute hier kennen mich». Sein Revolver liegt in der Strumpfschublade, «und die teure Remington Pumpgun, die das County für uns angeschafft hat, ist im Kofferraum meines Streifenwagens. Glaube ich jedenfalls.»

Dass unterdessen selbst «Dorfbullen» wie er gefährlich leben, dass bereits eine Verkehrskontrolle tödlich enden kann: Wing weiss es durchaus. Und doch hält er geradezu stoisch fest an seiner Einstellung zum Job. «Man muss das Ganze in Gang halten», ist einer seiner Grundsätze, «man lässt es geschehen» ein weiterer. Die Dinge entwickeln sich, wenn man es nicht zu eilig hat. Er sieht nicht ein, weshalb er es anders machen soll nach einem Einbruch, bei dem ein Safe verschwindet. Dummerweise gehört der Safe der Russenmafia – und die setzt alle Hebel in Bewegung, ihn zurückzubekommen. Ohne lang zu fackeln und ohne zimperlich zu sein.

Nachdenken über das Sheriffsein

Minimalinvasiv ist auch die Art, wie der gebürtige Texaner Castle Freeman, seit langem im nordöstlichen Bundesstaat Vermont zu Hause, den Fall aufrollt. Respektive: Wie er ihn wohlkalkuliert nebenherlaufen lässt, stets im rechten Moment aufs Gaspedal tritt oder die Sache aus angemessener Distanz beobachtet. Zum Beispiel vom Pick-up aus, auf einem Motelparkplatz. Wenige Sätze genügen ihm, um eine Situation messerscharf zu umreissen, ein halber reicht oft, um eine Figur zu entlarven, um beinahe alles über sie zu sagen. Darin ist Sheriff Wing, der hier in Ichform erzählt und immer dann, wenn nichts passiert, Einblick in seine Sicht auf den Job, die Leute in der Provinz, das Leben im Allgemeinen und seine kinderlose Ehe im Speziellen gibt, unschlagbar. Bei aller Bescheidenheit.

Wenn sich die Dinge überstürzen, spielt Wing auf Zeit. Bereits die ersten Seiten des schmalen Romans setzen virtuos auf diesen dramaturgischen Trick. Der Funkruf krächzt mitten ins schweigsame Morgenritual; Ehefrau Clemmie zeigt Wing wieder einmal den «Morgenrücken», und wir wissen, dass es auf den kommenden knapp zweihundert Seiten keineswegs primär um einen Einbruch und Diebstahl gehen wird. Auch nicht darum, wo überall die Russenmafia die Fäden zieht und wie rabiat man sich das vorstellen muss.

Mit seiner kantigen Art, sich seinen Teil zu denken, ist Wing ein Charakter, dem man, gerade weil er ein bekennender Einzelgänger ist, sofort überallhin folgt. Nicht nur an jene Ausweichstelle in der Pampa, wo ein nackter, übel zugerichteter Russe aufgegriffen wird, an einen Baum gefesselt. Es dauert nicht lange, bis alles auf den Kleinstadt-Bad-Boy Sean Duke hindeutet. Schon als kleiner Bub ist er der ordentlichen Welt abhanden gekommen; sein Vater starb im ersten Golfkrieg. Nicht ohne Grund stellt Castle Freeman, sonst keineswegs missionarisch unterwegs, dem Roman ein Zitat aus dem Neuen Testament voran: einen Ausschnitt aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Natürlich einen Dialog – neben den knappen, lakonischen Reflexionen Wings sind pointierte Dialoge die grosse Stärke dieses unkonventionellen Krimis. Mehr davon gibt es zum Glück im Roman «Männer mit Erfahrung», letztes Jahr auf Deutsch erschienen.

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