Thomas Hürlimanns katholische Welt

Feiern und Ehrungen sind nicht geplant. Und doch wird dem heutigen sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers Thomas Hürlimann in Deutschland, wo er seit mehr als einem Jahrzehnt lebt, viel Aufmerksamkeit zuteil.

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Lebenslange Auseinandersetzung mit der Familie: Thomas Hürlimann. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Lebenslange Auseinandersetzung mit der Familie: Thomas Hürlimann. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Feiern und Ehrungen sind nicht geplant. Und doch wird dem heutigen sechzigsten Geburtstag des Schriftstellers Thomas Hürlimann in Deutschland, wo er seit mehr als einem Jahrzehnt lebt, viel Aufmerksamkeit zuteil. In der «Zeit» erzählt der Dramatiker Botho Strauss von den langen Wanderungen, die sie am Ufer der Oder unternehmen - zwei Freunde, wie sie verschiedener kaum sein könnten: «Er, der Schweizer Katholik, der Klosterschüler von Einsiedeln,

dessen Glaube die Grundlage seiner Zuverlässigkeit und Bindungsfähigkeit ist, und sein etwas älterer Kumpan, ein Protestant, also eher das Lamm einer linken politischen Sammelbewegung als einer Kirche.» Und die «Frankfurter Allgemeine» unterzieht Hürlimanns doch eher schmales Werk einer vertiefenden Würdigung.

Der Vater und die Kirche

Erstaunen muss diese Aufmerksamkeit schon deswegen, weil Thomas Hürlimann trotz seines deutschen Wohnsitzes stark von seiner Schweizer Herkunft zehrt.

Er habe schon einige Anläufe genommen, der eigenen Familie zu entfliehen, hat er im Gespräch mit der «Zeit» erklärt. Und einsehen müssen: «Am besten schreibe ich mit dem Stoff, von dem ich auch träume, mit meinem Seelenmaterial.» Das ist das elterliche Haus in Zug, es ist der Vater Hans Hürlimann, ein mächtiger CVP-Bundesrat (der in «Der grosse Kater» präsent ist und in der Verfilmung von Bruno Ganz auch sehr echt dargestellt wird), und es ist die tiefkatholische Prägung im Kloster Einsiedeln.

Nostalgie allerdings schwingt in solcher Vergangenheitsbetrachtung niemals mit. Dazu hat Thomas Hürlimann sich zu weit entfernt von der Welt seiner Eltern. Das hat früh begonnen, im demonstrativen Widerstand gegen den Vater, und sich in Einsiedeln fortgesetzt mit der Gründung eines «Clubs der Atheisten». Der Pfarrer ist entsetzt, als ihm der Jüngling dies beichtet.

«Nie werde ich den Kopf von Hochwürden Stäuble vergessen, aus dem Beichtstuhl hervorgereckt, mit grossen, vom Entsetzen geweiteten Augen.»

«Ich reisse alte Wunden auf»

1974 beginnt er ein Studium an der Freien Universität Berlin, wo «Religion nur noch als vergleichende Religionswissenschaft existiert und Philosophie nur noch als Gesellschaftswissenschaft». Glücklich macht ihn sein Aufbruch nicht, die Religion, genauer: der Katholizismus, bleibt Teil einer lebenslangen Auseinandersetzung.

Wie auch die Familie, weshalb Hürlimann widerspricht, als man ihn fragt, ob er über seine Familie schreibe, um sie sich vom Hals zu halten. «Das Gegenteil ist wahr, ich verleibe mir meine Familie immer wieder von neuem ein. Ich reisse ständig alte Wunden auf - das Blut und der Eiter, die dann fliessen, sind das beste Material.»

Der Tod und das Leben

Es gibt diese alten Wunden in jedem Leben, deshalb berühren Thomas Hürlimanns Erzählungen stets von neuem - in denen überdies der Tod unübersehbar präsent ist.

Und auch der Tod bleibt niemandem erspart. (R. A.)

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