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Philosophie, die so nicht mehr möglich ist

Vor 50 Jahren starb Theodor W. Adorno, der wusste, dass Philosophie die Wirklichkeit nicht mehr erreicht, und trotzdem Philosoph blieb.
Christoph Bopp
Theodor W. Adorno (1903-1969)

Theodor W. Adorno (1903-1969)

Theodor W. Adorno war in den Ferien im Wallis. Sein Arzt hatte ihm geraten, nichts zu forcieren und sich zu schonen. Trotzdem fährt er mit der Bahn auf den Berg. Am Tag darauf erleidet er einen Herzinfarkt, den er nicht übersteht.


Das war vor 50 Jahren. Im Frühling jährte sich auch die Episode, von der man munkelte, dass sie mit seinem frühen Tod zu tun habe. Der berühmte Philosoph wurde nur 66 Jahre alt. Im Frühling 1969 störte eine Gruppe von 68-bewegten Studierenden seine Vorlesung an der Frankfurter Universität. Am 31. Januar 1969 hatte er nämlich die Polizei gerufen, als das Institut für Sozialforschung besetzt werden sollte. Dort war die «Kritische Theorie» beheimatet, und die Studierenden waren wohl der Auffassung, dass es an der Zeit sei, dass im Gebäude Theorie und Praxis kurzgeschlossen werde.

Die Busenattacke im Hörsaal V

Am 22. April 1969 wollten die Studierenden offenbar noch einmal darauf hinweisen, wie die Sache gemeint gewesen sei. «Flower power» – der Professor sollte am Rednerpult mit Blumenblättern überschüttet werden. Er ging nicht darauf ein, sondern liess den Hörsaal darüber diskutieren, ob er seine Vorlesung halten solle. Als er zurückkam, entblössten drei Studentinnen, die um ihn herumstanden, ihre Brüste, und der Gelehrte musste sich mit seiner Aktentasche den Ausweg freikämpfen. Das Gerede, der Vorfall habe ihn bis in den Urlaub mitgenommen, wollte nicht verstummen.

Herbert Marcuse (1898-1979)

Herbert Marcuse (1898-1979)

Am besten zurecht mit 1968 aus dem Kreis der Kritischen Theoretiker kam Herbert Marcuse. Sein Buch «Der eindimensionale Mensch» machte ihn zu einer Art Galionsfigur. Denkerisch war Adorno allerdings nicht allzu weit entfernt. Marcuse sah den mehr oder weniger subtilen Zwang, den die Warenwelt mittels der Werbung ausübte. Das Denken wird manipuliert und verläuft in vorgespurten Bahnen. Es wird affirmativ. Darauf antwortet Marcuses Schlagwort von der «Grossen Verweigerung».

Max Horkheimer (1995-1973) und Theodor W. Adorno 1964 in Heidelberg.

Max Horkheimer (1995-1973) und Theodor W. Adorno 1964 in Heidelberg.

Horkheimer und Adorno, den beiden grossen Figuren der Frankfurter Schule, wären solche Formulierungen nicht (mehr) eingefallen. Sie hatten nach ihrer Rückkehr aus dem Exil in den USA ein Deutschland vorgefunden, das viel stärker von Adenauers CDU/CSU geprägt war als von Aufklärungsdenkern in der Tradition von Hegel und Marx.

Adorno hatte 1931 aber in seiner Antrittsvorlesung auch über die zunehmende Entfremdung in der Warenwelt geklagt. «Wer heute philosophische Arbeit als Beruf wählt, muss von Anfang an auf die Illusion verzichten, mit der früher die philosophischen Entwürfe einsetzten: Dass es möglich sei, in der Kraft des Denkens die Totalität der Wirklichkeit zu ergreifen.» Alles, was hervorgebracht wird, gerät unter den Zwang der Verwert- und Vermarktbarkeit. Der verändert auch die Formen des Denkens. Wenn Hegel noch von «absoluter Wahrheit» sprechen konnte, hat sich 100 Jahre später dieser Horizont bereits verdunkelt.

«Gesellschaft» ist zu etwas Fremdem geworden

«Das Wirkliche» ist eben nicht mehr einfach «das Wahre», nicht das Resultat, das sich einstellt, wenn vernünftig gehandelt wird. Der Wirkungszusammenhang, den das Denken rekonstruieren will, ist dann nicht mehr die Realisierung des Vernünftigen, sondern ein Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse, dem das Denken unterliegt. Möglich sind nur noch tastende Ver suche; Deutungen, die immer Gefahr laufen, das Wahre zu verfehlen. Was noch möglich ist, so eine Formulierung Adornos in seiner «Negativen Dialektik», ist «an Zügen sozialer Gegebenheit der Totalität gewahr zu werden».

Karl R. Popper (1902-1994)

Karl R. Popper (1902-1994)

Wenn Hegel noch sagte: «Das Wahre ist das Ganze», kann Adorno nur noch entgegnen: «Das Ganze ist das Unwahre.» Von der Idee der Totalität kann er sich aber nicht befreien. Das wurde im sogenannten «Positivismusstreit» mit Karl R. Popper deutlich. Popper waren grosse Entwürfe und utopische Gesellschaftsvorstellungen zuwider. Die führten seiner Ansicht nach irgendwann in eine totalitäre Diktatur. Er propagierte ein Trial-and-Error-Verfahren, das er «Sozialtechnologie» nannte. Schritt für Schritt sollte eine Gesellschaft verändert und optimiert werden. Adorno hingegen beharrte auf der traditionellen Ansicht, dass der Prozess von einer Idee der Gesellschaft geleitet werden müsste.

Der Philosoph als Panzerknacker

Und die lieferte natürlich die Philosophie. Wie sie dabei vorgehen müsste, war allerdings eine sehr schwierige Frage. Wie lässt sich etwas fassen, der Begriff, wenn dauernd alles in Bewegung ist? Adorno behalf sich mit dem Konstrukt der «Konstellation». Ursprünglich war das die Anordnung der Planeten, Monde und dem Rest um die Sonne. Die sich natürlich dauernd, wenn auch nicht zufällig, verändert. «Als Konstellation umkreist der theoretische Gedanke den Begriff, den er öffnen möchte, hoffend, dass er aufspringe etwa wie die Schlösser wohlverwahrter Kassenschränke: nicht nur durch einen Einzelschlüssel oder eine Einzelnummer, sondern eine Nummernkombination.»

Der Philosoph hält sein Ohr an die Wirklichkeit und probiert Nummerneinstellungen aus. Das tut er nicht planlos, sondern er versucht, in den falschen Kombinationen etwas über die Natur des Schlosses zu erfahren. Ob er damit an ein Ende gelangt und sich der Begriff öffnet, ist unbestimmt.

Philosophie der neuen Musik, Noten zur Literatur

Adorno ist – obwohl 2003 zum 100. Geburtstag noch einmal ein Publikationswirbel erfolgte – weitgehend aus der philosophischen Diskussion verschwunden. Im Feuilleton taucht er noch auf. Dies vor allem, weil er ein grosser «Kulturmensch» war, der über Musik und Literatur jede Menge Bedenkenswertes geäussert hatte. In die Literatur eingegangen ist auch sein Buch «Minima Moralia».

50 Jahre nach seinem Tod lassen wir Adorno noch einmal sprechen. Einen bemerkenswerten Satz aus der Zueignung:

«Was einmal den Philosophen Leben hiess, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloss noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz, mitgeschleift wird. Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.»

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