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Thematisch spannend, literarisch ungenügend: der neue Roman einer Bachmann-Preisträgerin

Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk hat als Bachmann-Preisträgerin 2018 begeistert. Ihr neuer Roman ist eher historisches Sachbuch als Roman: aber als Erinnerung an einen ukrainischen Nationalisten lesenswert.
Hansruedi Kugler
Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk lebt seit 2011 in Wien. (Bild: Herbert Neubauer/APA)

Die ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk lebt seit 2011 in Wien. (Bild: Herbert Neubauer/APA)

Eine junge depressive Frau recherchiert mit irrationaler Sturheit einen ukrainischen Volkshelden, der 1931 an Tuberkulose starb. Reizvoll ist Tanja Maljartschuks literarische Idee, die Seelenzustände der beiden in ein politisches Klima zu übertragen. Krankheit wird so zur politischen Metapher: Hier die träge junge Frau der Gegenwart, ein Kind von hundert Jahren Unterdrückung und Angst; dort der unermüdliche, enthusiastische Nationalist des frühen 20. Jahrhunderts.

Der Volksheld hiess Wjatscheslaw Lypynskyj. Nie gehört? So wird es den meisten Lesern gehen – wenn sie nicht gerade ukrainische Ahnen haben oder Historiker sind.

Die 35-jährige Maljartschuk ist ukrainische Autorin, lebt seit 2011 in Wien. Sie stellt die tragische Figur des Historikers und Politikers, der im österreichischen Exil starb, ins Zentrum ihres Romans «Blauwal der Erinnerung».

Lypynskyj kämpfte vor hundert Jahren als Publizist und Diplomat in glühender Mission vergeblich für die Unabhängigkeit der Ukraine. Erster Weltkrieg, Rückzug des Deutschen Reichs, Teilannektion durch Polen, Russische Revolution: Die Ukraine schaffte es in jener Zeit nicht, ein eigenständiger Staat zu werden – besetzt von den mächtigen Nachbarn und intern zerrieben zwischen Monarchisten und Bolschewisten.

Gegenwart und Vergangenes verbinden sich zu wenig

Tanja Maljartschuks vor drei Jahren erschienener Roman liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Ihr literarisches Talent blitzt auch in «Blauwal der Erinnerung» ab und zu auf. Und mit der Ukraine und dem wieder erstarkenden Nationalismus in Osteuropa hat die Autorin ein aktuelles Thema mit überraschendem Romanpersonal. Das liest sich alles hoch interessant. Die Neugier ist rasch geweckt.

Nur funktioniert ihr Buch aus mehreren Gründen als Roman kaum. Vor allem verbinden sich die Erzählebenen viel zu wenig. Der Verlag schreibt zwar vollmundig, dass Lypynskyjs Leben «auf kunstvolle Weise mit dem der Ich-Erzählerin verknüpft wird: Sie sucht in dessen Vergangenheit nach Spuren, um besser mit ihrer eigenen Gegenwart zurechtzukommen.»

Das ist gut behauptet, aber nur mit viel gutem Willen auch im Roman herauszulesen. Das Leitmotiv des Romans, der Blauwal, der historische Ereignisse wie Plankton verschlingt und dann verschwindet, bleibt literarisch unverarbeitet. Und sobald Maljartschuk von Lypynskyj berichtet, kippt sie in eine zwar gut erzählte, aber letztlich chronologische und zu detailversessene Biografie.

Das ist als berührende Lebensgeschichte eines in der Politik und in der Liebe gescheiterten Intellektuellen spannend und beleuchtet ein wichtiges Kapitel europäischer Geschichte: den Übergang von multiethnischen Grossreichen in kleinere Nationalstaaten in Osteuropa. Da wiederholt sich ja gerade einiges.

Zu selten bekennt der Romanheld Farbe

Die Ich-Erzählerin aber bleibt flach, da nützt es wenig, dass Tanja Maljartschuk ihr Panikattacken und gescheiterte Beziehungen zuschreibt. Denn ausser der gemeinsamen ukrainischen Herkunft verbindet sie fast nichts mit Lypynskyj. Nur eines: Ihre Geburtstage liegen genau hundert Jahre auseinander.

Auch der Romanheld Lypynskyj kommt meist als hölzerne Geschichtsbuchfigur daher. Zu selten bekommt er Farbe: seine Verkniffenheit gegenüber Frauen und seiner Verbissenheit und Schroffheit in seine nationalistische Mission sind gut gelungen. Ein thematisch spannendes, literarisch aber ungenügendes Buch.

Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung. Roman. Kiepenheuer&Witsch, 288 S., Fr. 34.-

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