THEATERUMBAU: Aufschwung dank Provisorium

Während am Theater St. Gallen eine Renovation ansteht, die Sänger und Schauspieler zum Auszug zwingt, hat man andernorts schon Erfahrungen mit Provisorien gesammelt. Sie fallen positiv aus.

Rolf.app@tagblatt.ch
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Rolf App

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Im Jahr 2010 hat Josef Ernst Köpp­linger, der als Schauspiel­direktor auch drei Jahre lang am Theater St. Gallen gearbeitet hat, seinen Intendantenvertrag für das Theater am Gärtnerplatz in München unterschrieben. «Da war schon klar, das Theater würde zu meinem Amtsantritt 2012 eine Baustelle sein», erzählt er. «Drei Jahre sollte die umfassende Renovation dauern, aber heute ist sie noch immer nicht fertig.» Zwischenzeitlich habe eine 16 Meter tiefe Baugrube geklafft, wo seit 1865 Theater, Oper, ­Operette und Musical gespielt wurden – auf hohem Niveau, von dem man sich in St. Gallen zuletzt mit der Co-Produktion des Musicals «Anything goes» von Cole Porter hat überzeugen können.

Köpplinger selbst hat damals Regie geführt und ist für abschliessende Proben gern an seine alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Umso stärker freut er sich, jetzt zu hören, dass das Theater St. Gallen saniert werden soll. Dass es für zwei Jahre in ein Provisorium ausziehen muss: Das ist der Preis, den ein Theater in solchen Situationen zahlen muss.

Das Theater am Gärtnerplatz zieht ins Exil

Der Preis, den Köpplinger zahlt, ist noch weit höher, denn er konnte nicht einfach in einen angrenzenden Park umziehen wie die St. Galler. «Wir mussten auf mehrere Spielstätten ausweichen und bespielen unter anderem das Akademietheater, die Reithalle, das Cuvilliés-Theater und sogar das Zelt des Circus Krone», sagt er. «Und das Erstaunliche ist: Das Publikum folgt uns mit nicht ­erlahmender Leidenschaft. Obwohl die Verhältnisse zum Teil prekär sind.» Zur Reithalle beispielsweise komme man mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer hin, ausserdem könne es in ihr sehr heiss werden. «Ich habe mich da mal reingesetzt an einem Sommertag», sagt er, «und ich habe gestaunt, dass die Leute das aushalten.»

So weiss Köpplinger denn von einer traumhaften Auslastung von 90 Prozent zu berichten. «Man hat von uns hundert Vorstellungen im Jahr gefordert, wir spielen aber nie weniger als 150- mal», zieht er Bilanz. Auf der anderen Seite stehen grosse Strapazen – für sein Ensemble, für Bühnenbild und Technik, und für ihn selber. «Wenn ich einen Termin an einem der Spielorte habe, dann muss ich anderthalb Stunden Fahrzeit einrechnen – Zeit, die ich dann des Nachts nacharbeiten muss. Das sind die Dinge, die das Publikum nicht sieht.»

Was das Publikum sieht, das sind anspruchsvolle Produktionen. «Man muss ein solches Provisorium mit Liebe planen», sagt Köpplinger. «Niemals darf man Abstriche am Künstlerischen machen. Dann ziehen die Menschen auch mit.»

Der Berner Kubus wird zum Erfolgserlebnis

Weil Theater und Konzertsäle in die Jahre kommen, müssen sie auch in der Schweiz da und dort Provisorien bespielen. In Zürich zieht das Tonhalle-Orchester demnächst für drei Jahre um in die Maag-Eventhalle nahe dem Schiffbau. Dort hat man, um eine gute Akustik zu gewährleisten, in die Halle eine 43 Meter lange, 23 Meter breite und knapp elf Meter hohe Box aus Fichtenholz eingebaut, welche die Verantwortlichen nächste Woche den Medien präsentieren.

Gerade hinter sich hat seine provisorischen Zeiten das Theater Bern. Sechs Monate lang hat auf dem Waisenhausplatz eine Halle für 480 Personen gestanden, gefertigt aus Fertigelementen und attraktiv verkleidet mit bedruckten Stoffbahnen. Im ­Innern handelte es sich um eine Stahlbaukonstruktion, die nach aussen mit Sandwichpaneelen verkleidet und akustisch abgedichtet war. Simulationen ermöglichen es in solchen Fällen, die Wirkung gegen aussen und die Akustik im Innern zu optimieren. Auch der Bühnenbereich kann an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden.

Im Falle St. Gallens ist die Detailplanung in Arbeit, es wird ein analoger Spielbetrieb wie in Bern angestrebt. «Wir müssen sicher mit Einschränkungen rechnen», sagt Georges Hanimann, der Technische Leiter des Theaters St. Gallen. «Wir werden zwar eine ebenso grosse Bühne haben wie heute, aber keinen Schnürboden, über den Bühnenteile hochgezogen werden können.» Das Provisorium werde einfach ausgestattet sein. Es werde wohl ein paar Kettenzüge geben, die dann hauptsächlich zur Produktionseinrichtung eingesetzt werden. Es wird keine Seitenbühne existieren, auf welcher Bühnenbildelemente gelagert werden könnten. Deshalb «werden wir einen Stagione-Betrieb realisieren, bei dem dasselbe Stück mehrmals hintereinander gespielt wird», ­erklärt Georges Hanimann, «im Gegensatz zum heutigen Repertoire-Betrieb, bei dem mehrere Produktion parallel im Spielplan stehen. Bühnentechnisch werden wir mit weniger Hilfsmitteln auskommen müssen, insbesondere für Licht und Ton soll eine gut funktionierende Grundeinrichtung gefunden werden, welche von Fall zu Fall einfach ergänzt werden kann.» Der Bereich für das Orchester wird sich vor der Bühne befinden. Die Bühne wird gegenüber dem Orchestergraben um 2,5 bis 3 Meter höher liegen.

Jeder Fünfte kam zum ersten Mal

Wie nimmt das Publikum das Spiel im Provisorium auf? Die Berner haben Bilanz bezogen und sind sehr zufrieden. Fast 50000 Besucher wurden gezählt, davon entfielen 17000 auf das Public Viewing zur Fussball-Europameisterschaft und 33000 auf insgesamt 125 Theatervorstellungen und Konzerte. Besonders erfreut zeigten sich die Verantwortlichen von Konzert Theater Bern darüber, dass jeder Fünfte zum ersten Mal bei ihnen war. Das heisst: Ein Provisorium senkt auch die Schwelle zur «grossen» Kultur.