THEATERABEND: Die Liebe? Flüchtig, vergänglich

Das Kellertheater Winterthur packt drei Kurzgeschichten Peter Stamms in ein Stück, verdichtet die Figuren zu einer. Und die Videokünstlerin ist ihm wie ein Spiegel.

Dieter Langhart
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Nach der Generalprobe zu «Ich wandte mich ab und trat ans Fenster»: Elvira Isenring, Christian Kerepeszki, Udo van Ooyen, Doris Strütt. (Bild: Dieter Langhart)

Nach der Generalprobe zu «Ich wandte mich ab und trat ans Fenster»: Elvira Isenring, Christian Kerepeszki, Udo van Ooyen, Doris Strütt. (Bild: Dieter Langhart)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Lang ist diese Tafel und unaufgeräumt wie das Leben des Mannes, der am Tisch sitzt oder um ihn herum geht oder sich an die Wand drückt. Der mehr als eine Zigarette pafft und gequält dem Rauch nachblickt – aber zögert, sich noch ein Glas Roten zu nehmen. Und der erzählt. Von sich als Ich und von dem Leben dieses Ichs, das ihm irgendwo abhandengekommen scheint. Beobachtet wird er von einer stummen Frau hinter einer Videokamera.

Und plötzlich ist der Mann einer von zwei Männern. Und er stellt sich vor, wie es mit der Frau des andern Mannes wäre, hier an irgendeiner Sommerküste Italiens. «Wir waren in der Hitze ­gefangen, in unserer Trägheit», sagt der Mann. So steht es in der «Passion», einer der Geschichten aus Peter Stamms erstem Erzählband «Blitzeis» aus dem Jahre 1999. So oder ähnlich. Denn das Kellertheater Winterthur lässt den Schauspieler Christian Kerepeszki nicht Wort für Wort lesen, der Regisseur hat etwas anderes vor mit dem Thurgauer Schriftsteller.

Verliebt, bis die Sehnsucht erlischt

Udo van Ooyen legt den Monolog über drei leicht gekürzte Erzählungen, verquickt zwei sehr eng und überblendet sie mit einer dritten. Der Regisseur nimmt also dem Schriftsteller das Heft aus der Hand und wird selbst zum Ich-Erzähler. Wie der Schauspieler. Aus drei Figuren scheint eine zu werden, aus drei Männern einer. Sind nicht alle Männer gleich? Van Ooyen schneidet «Passion» fast nahtlos quer mit der Titelgeschichte «Blitzeis» um die unheilbar an Tuberkulose erkrankte Larissa. Und da ist eben eine dritte Erzählung, «Dämmerung», zuerst in einer Anthologie Klara Obermüllers erschienen.

Regisseur van Ooyen hat die Rolle mit einem Spieler besetzt, der mit Jahrgang 1969 älter ist als die Figuren bei Peter Stamm (und als Stamm damals), diese Mittdreissiger, die verliebt sind oder sich verlieben oder die sich trennen. Christian Kerepeszki spielt den Ich-Erzähler müde, mit glasigem, leerem, desillusioniertem Blick – eine Wucht. Erloschene Sehnsucht. Im Stück «Ich wandte mich ab und trat ans Fenster» ist nur mehr wenig zu spüren von der Suche nach Sinn im Leben, nach Liebe oder zumindest Zuneigung. Peter Stamm ist und war ein Meister der Abwesenheits­meditation, er wertet nie, er beschreibt lediglich mit einer bisweilen unerträglichen Lakonie.

Traumhafte ­Videoüberblendungen

Der Regisseur will dies nicht anders, nur bietet er dem Zuschauer mit den Projektionen eine weitere Dimension an (die minimale Musik hingegen bleibt beliebig). Sie wollen ebenso wenig deuten, aber sie durchdringen das Stück als traumhafte, bisweilen fast lyrische Ebene der Überblendung. Das stärkste Bild: Der Ich-Erzähler taucht in ein Bassin, taucht und schwimmt und überschlägt sich, als habe er allen Atem der Welt.

Geschickt variiert Elvira Isenring zwischen Standbild und Bewegung, Echtzeit und Erinnerung – als stumme und stoisch ernste, aber unübersehbare Figur in der Inszenierung. Dann, wenn die Projektion die Hauptrolle übernimmt, lehnt Christian Ke­re­pesz­ki schweigend an der grauen Wand. Doch was ist das! Einmal wird der Schauspieler an der rauen Wand gespiegelt – aber die Kamera steht gar nicht zwischen ihm und ihr. Raffiniert. Und da sind noch mehr solcher leicht traumhafter Momente.

Weitere Vorstellungen bis 8.10. Mi/Fr 20, Sa/So 17.30 Uhr kellertheater-winterthur.ch