THEATER: «Wutbürger? Nein, Krise des Rechtsstaats»

Heinrich von Kleists «Michael Kohlhaas» wurde auf der Bühne schon zum Terroristen, Aufständischen, Bünzli und Wutbürger. Am TAK Schaan inszeniert nun Tim Kramer. Indendant, Regisseur und Schauspieler erklären, was sie am Stück fasziniert.
Hansruedi Kugler
Viermal Kohlhaas: Jan Krawczyk, Heiner Junghans, Christiane Wetter, Philip Heimke. (Bild: Urs Bucher (Schaan, 12. September 2017))

Viermal Kohlhaas: Jan Krawczyk, Heiner Junghans, Christiane Wetter, Philip Heimke. (Bild: Urs Bucher (Schaan, 12. September 2017))

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

Es mag etwas pathetisch tönen: «Unsere Inszenierung ist ein ­Plädoyer für das demokratische Rechtssystem. Misstrauen gegen Gerichte und Fake News sind verheerend.» TAK-Intendant Thomas Spieckermann sagt es unter Hinweis auf autokratisch-selbstherrliche Staatslenker von Ankara über Budapest bis Washington. Und er sagt es auch ein wenig gegen sein eigenes Programmheft. Denn dieses bezeichnet den Pferdehändler Kohlhaas aus dem 16. Jahrhundert als «ersten Wutbürger der Geschichte».

Das Reizwort «Wutbürger» aber ist eine Falle, die man als Zuschauer meiden sollte oder zur Erkenntnis der Differenz nutzt: Denn Michael Kohlhaas ist kein krakeelender Wohlstandsbürger mit Phantomproblemen, der sich von der Politik nicht vertreten fühlt. Der rechtschaffene Kohlhaas ist konkretes Opfer von Willkürherrschaft und verliert zunächst als höflicher Bittsteller vor der Obrigkeit Knecht und Frau. Seine Selbstjustiz wird danach zur mordlüsternen Raserei, bis er aufgrund einer versprochenen Amnestie in ein kafkaeskes Labyrinth der Rechtssprechung gerät und hingerichtet wird. «Emotional ist das alles verstehbar», sagt Spieckermann. Auch wenn die Geschichte im 16. Jahrhundert spielt.

Eigene Kohlhaas-Erlebnisse für die Bühne genutzt

Wie aber spielt man so einen «rechtschaffenen» Amokläufer? Man nutzt doch ein bisschen das Bild des Wutbürgers, sagt Heiner Junghans: «Bei den Leseproben mussten wir eigene Kohlhaas-Erlebnisse erzählen», etwa einen Moment der Demütigung durch die Obrigkeit, die Staatsmacht, vielleicht sogar der Willkür. Junghans berichtet von seiner Veloreise durch Burma, als er plötzlich von einer «Horde Uniformierter auf Motorrädern» drei Tage lang an die Landesgrenze eskortiert worden war: «Was man als Recht empfindet, löst sich auf und man fühlt sich komplett ausgeliefert.» Es ist eine der vielen Facetten der Kohlhaas-Figur. Eine andere, aggressivere, erzählt Jan Krawczyk: An der Grenze habe er seinen ganzen Wocheneinkauf auspacken müssen – 815 Gramm zu viel Wurst war das Resultat. Das hochnäsige, kopfschüttelnde «Eieieieiei» des Beamten habe ihn fast auf die Palme gebracht. «Aber es hilft mir nun, die Situation auf der Bühne emotional zu unterfüttern», sagt Krawczyk. Denn im Stück spielt er unter anderem jenen arroganten Grenzbeamten, der Kohlhaas willkürlich aufhält. Statt des Originaltextes sage er nun an jener Stelle ebenfalls «Eieieieiei». Dass jeder Schauspieler eine andere Facette des Kohlhaas einbringe, mache die Figur vielschichtig und biete mehr Möglichkeiten der Publikumsidentifikation, so Krawczyk.

«Es ist ein beunruhigender Text, kein eindeutiger», sagt Junghans. Kleist nehme nicht Partei, sondern beurteile Kohlhaas ambivalent zwischen der absolutierten Gerechtigkeitsforderung und der Unverhältnismässigkeit seiner Mittel. Mit seiner Selbstjustiz habe Kohlhaas skrupellose Plünderer angezogen, die er nicht mehr los wird.

Mit Bauklötzen wird Kohlhaas’ Reise skizziert

Vor fünf Jahren stand in der Lok­remise St. Gallen ein abgefackeltes Auto auf der Bühne – ab Samstag besteht das Bühnenbild des gleichen Stücks im Theater am Kirchplatz TAK in Schaan aus grossen Bauklötzen. Die Unterschiede könnten kaum grösser sein: Tim Kramer war vor fünf Jahren Schauspieldirektor in St. Gallen, Katja Langenbach hatte das bürgerkriegsähnliche Szenario inszeniert. Nun führt Kramer selbst Regie eines seiner literarischen Lieblingstexte und vertraut dabei auf seinen langjährigen Bühnenbildner Gernot Sommerfeld.

Die Bauklötze, die mal zu einem Podest, dann zum Schloss, zum Dorf und schliesslich zu Städten wie Dresden und Berlin umgestellt werden können, erinnern an Kramers Abschiedsinszenierung in St. Gallen. Auch damals liess Sommerfeld die Schauspieler mit Bauklötzen eine Stadt skizzieren.

Die Verschiedenheit der Regieansätze ist offensichtlich: Langenbachs brachiale Bebilderung war eine Projektion ins Heutige der Vorstadtaufstände, Bürgerkriege und Terroranschläge; das für Kramer typische Sprach- und Schauspielertheater, das «skizziert», «andeutet» und «Brücken für das Verständnis schlägt», kommt vergleichsweise intellektuell daher und hält die Verehrung für den literarischen Text aufrecht. Dieser Text ist für die Schauspieler höchste Herausforderung: Die mehrfach verschachtelten Sätze sind streng logisch aufgebaut, aber für den Leser ein mühsames Labyrinth – so wie die Rechtsprechung für den Gerechtigkeitsfanatiker Michael Kohlhaas ein Labyrinth ist, in dem er letztlich resigniert.

Tim Kramer hat sich für einen erzählenden Zugriff entschieden: Die vier Schauspieler stecken in zeitlosen Anzügen von Geschäftsleuten, spielen und erzählen eher zurückhaltend und abwechselnd aus der Sicht von Kohlhaas. «Wir zeichnen kein Psychogramm eines Terroristen», sagt Kramer. «Kleist stellte das fragile gesellschaftliche Konstrukt dar. Wir brauchen das nur sichtbar zu machen.»

Sa, 16.9., Fr, 22.9., TAK Schaan, später in Konstanz, Rapperswil und im Mai 2018 in der Kellerbühne St. Gallen

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