THEATER WINTERTHUR: Zauber, Schmerz - und lustvolle Verführung

Sie könnten gegensätzlicher nicht sein: Maurice Ravels «L'Heure espagnole» und «L'Enfant et les sortilèges». In zwei Produktionen des Opernhauses Zürich werden sie noch gegensätzlicher.

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Szene aus «L’Enfant et les sortilèges». (Bild: Monika Rittershaus)

Szene aus «L’Enfant et les sortilèges». (Bild: Monika Rittershaus)

Als die Schriftstellerin Colette 1925 den Komponisten Ravel wiedersah, löste diese Begegnung in ihr eine starke Gefühlsbewegung aus. «Die Jahre hatten ihm den Dünkel des kleingewachsenen Mannes genommen. Weisse und schwarze Haare vermischten sich und gaben ihm eine gefiederartige Frisur. Beim Sprechen schlug er seine feinen Nagetier-Hände übereinander und streifte alle Dinge mit seinem Blick des Eichhörnchens. Die Partitur von ‹L’ Enfant et les sortilèges›, sie ist jetzt berühmt.»

Der Blick des Eichhörnchens: Es ist kein Zufall, dass Colette, die 1917 das Libretto zu «L’ Enfant et les sortilèges» verfasst hat, diese Formulierung wählt. Denn am Ende dieser zauberhaften Oper ist es das verletzte Eichhörnchen, das den Jungen erlöst. Er kümmert sich um das Tier – und versöhnt die Natur. Der Raum weitet sich, in der Ferne, vor gleissend hellem Hintergrund, taucht sie noch einmal auf: Maman.

Die Dinge schlagen zurück gegen das wütende Kind

Am Theater Winterthur hat Regisseur Jan Essinger zusammen mit der Bühnenbildnerin Sonja Füsti und der Kostümbildnerin Jeannette Seiler intensive Bilder für die Geschichte eines Kindes gefunden, das sich der Mutter widersetzt und in blinde Zerstörungswut gerät – worauf die malträtierten Dinge, Tiere und Bücher lebendig werden und es in Angst und Schrecken versetzen. Und auch in andere heftige Gefühle: Das Feuer etwa schmettert seine Koloraturen in feuerrotem Kostüm, und noch verführerischer schlägt ihn die Prinzessin in ihren Bann, die grösser und grösser wird. Spielfreudig und einfühlsam agieren neben der Gastsängerin Dara Savinova als Kind die Mitglieder des Inter­nationalen Opernstudios am Opernhaus Zürich, ganz wichtig ist auch der Chor SoprAlti aus Kindern und jungen Frauen. Und, natürlich, das von Pavel Baleff geleitete Musikkollegium Winterthur, das eine zarte, oft melancholisch gefärbte, dann wieder zauberhaft glitzernde oder jazzig wilde Musik zum Klingen bringt.

Von ganz anderer Art ist der erste Teil des Abends, Ravels 1911 uraufgeführte erotische Komödie «L’ Heure espagnole», deren Figuren Essinger mit viel Augenzwinkern zu Karikaturen formt. Starker Applaus belohnt auch dies.

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Weitere Aufführungen am 6.,10.,12. und 14.Mai, Theater Winterthur