THEATER WINTERTHUR: Erwachsen werden im dunklen Wald

Mit Engelbert Humperdincks Märchenoper «Hänsel und Gretel» eröffnet das Theater Winterthur die Spielzeit. Clara Kalus erzählt das Märchen als kindliche Emanzipation aus einer rigide-ängstlichen Erwachsenenwelt.

Rolf App
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Vor Nanette Zimmermanns Knusperhäuschenkulisse dreht Carolyn Frank als Knusperhexe nach der Pause mächtig auf. (Bild: Annemone Taake)

Vor Nanette Zimmermanns Knusperhäuschenkulisse dreht Carolyn Frank als Knusperhexe nach der Pause mächtig auf. (Bild: Annemone Taake)

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Der Komponist Engelbert Humperdinck hat das Häusliche, Familiäre sehr geliebt. Zu seinen Schwestern und zu seiner Mutter hat er eine innige Beziehung gehabt. Die Schwester Adelheid Wette ist es denn auch, die ihn 1893 zur Komposition der Märchenoper «Hänsel und Gretel» animiert. Ihr rasch einsetzender Erfolg ermöglicht dem knapp Vierzigjährigen das sorgenfreie Leben eines freien Komponisten. In seiner Tonsprache zehrt er dabei von jenen Erfahrungen, die er 1881/82 bei Richard Wagner in Bayreuth gesammelt hat.

Clara Kalus arbeitet die Tiefenschichten heraus

Auch in «Hänsel und Gretel», mit dem das Theater Winterthur am Freitagabend die Saison eröffnet hat, ist viel von Wagner zu hören, allerdings in der Humperdinck eigenen Verbindung mit dem Volksliedhaften. In der Verknüpfung von Motiven etwa, im manchmal geisterhaft zarten, dann wieder üppigen Streicherklang, im choralartig auftretenden Blech, mit anderen Worten: In einem mächtigen musikalischen Sog, der perfekt zum Thema passt, und den das von Dietger Holm geleitete Musikkollegium Winterthur mit vielen Farben anreichert.

Denn da werden zwei Kinder in eine sehr bedrohliche Geschichte hineingezogen. Erst als sie die Hexe in den Ofen stossen, werden sie gerettet. Und mit ihnen sind auch die Kinder des immer wieder die Szene belebenden Kinderchors «Notefäger» aus Wiesendangen erlöst, die diese Hexe schon zu Lebkuchen verarbeitet hat.

Man kann sich diesem archaischen Stoff, den schon die Brüder Grimm für ein bürgerliches Publikum geglättet haben, auf ganz unterschiedliche Weise nähern. Clara Kalus versucht es in ihrer Produktion für das Theater Heidelberg, indem sie die Tiefenschichten herausarbeitet und auf jenes Familiäre zu sprechen kommt, das Humperdinck so wichtig war. «Wir sehen hier eine starke Verstrickung von Kindern und Eltern. Eine eigentlich seelische Not der Eltern, die sich in autoritärer Erziehung, in Angst, Enge und Gewalt äussert und der kindlichen Entfaltung keinen Raum lässt», erklärt sie im Programmheft. Das bedeutet: Sie belässt zwar dem Märchenhaften ein grosses Gewicht, macht aber in vielen inszenatorischen Details deutlich, dass all dies symbolisch gemeint ist. Sie sieht Szenen und Figuren als Projektionen kindlicher Gefühle und Sehnsüchte.

Die Kinder sind eingesperrt in kleinkarierte Dressur

Diese Kinder zeigt Clara Kalus schon im Vorspiel eingesperrt in eine – auch in den Kostümen von Maren Steinebel hervorgehobene – kleinkarierte mütterliche Dressur. Kein Wunder denn auch, bekommt Carolyn Franklin eine Doppelrolle: im ersten Teil als Mutter, im letzten als von Hänsel (Elisabeth Auerbach) und Gretel (Hye-Sung Na) phantasierte Knusperhexe, die sie buchstäblich zum Fressen gern hat. Zwar hinterlässt sie dabei stimmlich durchaus gemischte Eindrücke, dreht aber schauspielerisch als Knusperhexe mächtig auf. Noch einmal steht hier – nach dem zauberhaften, im von der Bühnenbildnerin Nanette Zimmermann mit Waldstimmungen gezeichneten und von Yasmin Özkan als Sandmännchen mit Glitzerstaub und schwebender Stimme gestalteten zweiten Teil – die Auseinandersetzung im Vordergrund. Die Kinder haben geträumt, sie fühlen sich geschützt, und finden die Kraft, frei, das heisst erwachsen zu werden.

Vor allem Hye-Sung Na als Gretel zeichnet diesen Prozess mit verspieltem Witz und Poesie nach, und mit einer Stimme, die alles kann. Wenn sie, zu Beginn des zweiten Teils, «Ein Männlein steht im Walde» singt, fühlt man sich für einen Moment selber verzaubert. Und: Ein Lob verdient auch James Homann als Vater, dem das Musikantische seiner Rolle im Blut zu liegen scheint.

Weitere Vorstellungen: Heute 14.30 Uhr, Mi/Fr/Sa je 19.30 Uhr