THEATER WINTERTHUR: Die beschmierte Moschee

Mit dem aufregend aktuellen Theaterstück «Zorn» von Joanna Murray-Smith und avantgardistischen Ballettabenden geht es in den März. Und in der Ferne grüsst Ravel.

Rolf App
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Rufus Beck als Patrick Harper kann es nicht fassen: «Du hast aus deinem eigenen freien Willen gehandelt?», fragt er seinen Sohn. «Wie ich der Polizei gesagt habe», antwortet der. (Bild: Petra Hellberg)

Rufus Beck als Patrick Harper kann es nicht fassen: «Du hast aus deinem eigenen freien Willen gehandelt?», fragt er seinen Sohn. «Wie ich der Polizei gesagt habe», antwortet der. (Bild: Petra Hellberg)

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@tagblatt.ch

Thomas Guglielmetti ist auf dem Sprung. In anderthalb Stunden geht das Stück «Malaga» von Lukas Bärfuss in der Koproduktion mit dem Theater Kanton Zürich in die Proben-Endphase. Die Karten verkaufen sich gut, der Programmleiter des Theaters Winterthur ist zufrieden. Am Nachmittag muss er dann rasch nach Berlin, sich ein Stück ansehen, das vielleicht in Frage kommt für eine kommende Saison. Und ebenso rasch wieder zurück.

Das Theater Winterthur ist ein Gastspielhaus, und das bedeutet für Guglielmetti: Er muss beweglich sein und wissen, was wo läuft. Intensiv studiert er Spielpläne, telefoniert mit seinen Partnertheatern. Es geht um künstlerische Fragen, bei Oper und Operette ums Geld, aber auch um Praktisches: Die Bühne des Theaters Winterthur ist 11,90 Meter breit. Inszenierungen an Theatern mit ausladenderen Dimensionen kommen schon deshalb nicht in Frage.

Zwei Paare fallen übereinander her

Eine gute Nase muss Thomas Guglielmetti auch haben, und zwar zwei Jahre im voraus – weil es so lange dauert, bis eine Inszenierung nach Winterthur kommt. Im Fall des Stücks «Zorn» der australischen Theaterautorin ­Joanna Murray-Smith, das am nächsten Mittwoch Premiere hat, ist ihm das gelungen.

Aktueller könnte ein Stück kaum sein: Joe Harper hat zusammen mit seinem Freund Trevor des Nachts eine Moschee beschmiert. «Es handelt sich um Hasskriminalität», sagt der Lehrer, Joes Eltern sind entsetzt. Sie sehen nicht nur eine auf Toleranz und Gewaltfreiheit setzende Erziehung in Frage gestellt, sondern auch ihre erfolgreichen Karrieren als Schriftsteller und Forscherin. Die Medizinerin Alice Harper soll demnächst eine bedeutende internationale humanitäre Auszeichnung bekommen, ihr Mann hat gerade seinen neuesten Roman veröffentlicht.

Da kommen Trevors Eltern Bob und Annie bei Alice und Patrick Harper zu Besuch. Sie sind aus anderem Holz geschnitzt, dem härteren Holz der Arbeiterklasse. So dass daraus, fast unvermeidlich, gegenseitige Schuldzuweisungen resultieren. Und dann taucht auch noch Rebecca erneut auf, die Alice Harper eigentlich interviewen sollte, aber etwas sehr Persönliches über sie weiss.

«Die Hamburger Kammerspiele, von denen wir ‹Zorn› übernehmen, sind ein neuer Partner», sagt Thomas Guglielmetti. «Viele ihrer Schauspieler sind Fernsehstars – oder wie im Fall von Rufus Beck, der den Patrick Harper spielt, als Synchronsprecher und Kinderbuch-Vorleser sehr bekannt. Er hat alle Harry-Potter-Romane gelesen und ist ein Charakterkopf mit enormer Bühnenpräsenz.»

Den Frühling prägt am Theater Winterthur aber – neben der aufwendig inszenierten Operette «Wiener Blut» der Musikalischen Komödie Leipzig – eine «Grossoffensive im Ballett», wie Thomas Guglielmetti es sagt. Schon in der vergangenen Saison hat er die Erfahrung gemacht, dass der Tanz ein sehr treues Publikum hat, das gern auch nach Winterthur kommt. Mit der Kibbutz Contemporary Dance Company aus Israel hatte die Saison begonnen, gefolgt sind Gautier Dance, das Alonzo King Lines Ballett und das Yakobson-Ballett mit dem klassischen «Nussknacker».

Nach dem Klassischen das Avantgardistische

Jetzt, sagt Thomas Guglielmetti, «bringen wir wieder avantgardistischere Produktionen». Das fängt heute an mit «piano piano», mit live gespielter Schubert-Musik und entworfen von drei schwedischen Choreografen. «Es ist etwas Spezielles, auch im Gestus», erklärt Guglielmetti. «Und ich bin immer glücklich, dass wir Livemusik haben.»

Noch viel stolzer ist er auf die Produktion «Un ballo» des Opernhauses Zürich. An seinem allerersten Tag hier in Winterthur habe er dem Zürcher Tanzchef Christian Spuck den Vorschlag unterbreitet, ob er nicht einmal eine Premiere in Winterthur machen wolle. «Fünf Jahre später sind wir so weit.» Und zwar aus ganz praktischen Motiven: In Winterthur haben die Tänzer aus Zürich bessere Probenbedingungen als an ihrem Opernhaus. «Wenn sie bei uns proben, müssen wir das Bühnenbild nicht immer wieder ab- und dann wieder aufbauen.» Und weil es sich um zwei Uraufführungen junger Choreografen handelt, stellt das einen grossen Vorteil dar. «Auch wenn es nur um zehn Tage geht, kann man das als luxuriös ­bezeichnen.» Im Mai erklingen dann als weitere Produktion des Zürcher Opernhauses Ravels reizvolle Kurzopern «L’Heure espagnole» und «L’enfant et les sortilèges» – zusammen mit dem Musikkollegium Winterthur.

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