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THEATER: Wer schiesst, wird nicht erschossen

«Gomorrha», nach Roberto Savianos Welterfolg, ist in der Spiegelhalle des Theaters Konstanz als Urstoff über Sein und Nichtsein zu sehen.
Brigitte Elsner-Heller
Die Situation ist aufgeladen: Tomasz Robak (Mariano), dahinter Ingo Biermann (Don Pasquale). (Bild: Bjørn Jansen/Theater Konstanz)

Die Situation ist aufgeladen: Tomasz Robak (Mariano), dahinter Ingo Biermann (Don Pasquale). (Bild: Bjørn Jansen/Theater Konstanz)

Brigitte Elsner-Heller

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Der Container schwebte in der Luft, als die Körper herausfielen. Wie Schaufensterpuppen. Doch es waren keine Schaufensterpuppen – es waren Chinesen, tiefgefrorene Chinesen. Auch mit ihnen konnte ein Geschäft gemacht werden, denn sie hatten dafür gezahlt, in der Heimaterde bestattet zu werden. Der Junge ist erschüttert, doch sein Kumpel Pikachu beruhigt die Situation.

Kit Kat muss lernen, sich in Neapel, dem Gebiet der Camorra, zu behaupten. Denn hier geht es um das Business von Männern in gut geschnittenen Anzügen und den Kampf der Underdogs: Drogenkuriere; Lastwagenfahrer, die Giftmüll entsorgen; Arbeiter, die für die Haute Couture fertigen, ohne mehr zu sehen als die Bosse, die weltweit Kontakte pflegen.

Keine Individualität im System aus blutigen Regeln

Die Bühne der Konstanzer Spiegelhalle wird zum Ort, an dem sich die Welt der Camorra von sicheren Zuschauerrängen aus betrachten lässt. Düster ist das Szenario, ausser ein paar Gerüststangen und alten Matratzen braucht die Umsetzung von Roberto Savianos Welterfolg «Gomorrha» aus dem Jahre 2006 kein Bühnenbild. Und als Requisiten reichen fast die Revolver, die zum Einsatz kommen, und eine Kalaschnikow – dieses Stück Metall, das das Blut seines Besitzers in Wallung versetzt, bevor es das des jeweils anderen über den Boden rinnen lässt.

Roberto Saviano, in Neapel aufgewachsen, hat nach jahrelangen Recherchen in seinem Buch die Welt der Camorra in einer Mischung aus Dokumentation und literarischem Werk beschrieben. In der Bühnenversion (Roberto Saviano und Mario Gelardi) wurde verdichtet und exemplarisch auf wenige Personen projiziert, was im Buch an Geschäftsfeldern und Akteuren angelegt war. So verschmelzen Lebensläufe und verdeutlichen, dass Individualität unmöglich wird in einem System, das nur Funktionsabläufe kennt, die blutigen Regeln folgen.

Es beginnt in den Tiefen der Spiegelhalle, in der Theaterrauch in der Luft steht wie Zementstaub. Unter Adam Nalepas Regie gibt der junge Julian Jäckel den wohl noch jüngeren Kit, den der Anblick der toten Chinesen (noch) entsetzt. Die Situation ist aufgeladen, die Stimmen vermischen sich im Hall der Aufführungsstätte. Zunächst ist es nicht leicht, aus den schnell ausgestossenen Sätzen Informationen herauszufiltern, die Erklärungen liefern. Und es ist hilfreich, dass die dokumentarische Ebene eingeblendet wird, indem jeder der fünf Schauspieler zwischendurch ans Rednerpult tritt und Textpassagen aus Savianos Buch zitiert.

Angelina Jolie trägt Don Pasquales Hosenanzug

Kit wird schon bald als Drogenkurier arbeiten, während Julian Härtner als Pikachu so etwas wie den grossen Bruder gibt. Die Szene, in der beschrieben wird, wie ein Vater seinem 12-jährigen Sohn das Schiessen beibringt, wird zweifach auf die Bühne gebracht: So lernt Kit schiessen, aber auch Mariano (Tomasz Robak), der unter anderem Züge des Autors selbst trägt – Saviano hatte im Buch diese Szene autobiografisch beschrieben, wie auch die Handhabung der Kalaschnikow und die damit verbundenen sinnlichen Assoziationen.

Während zwischen diesen Figuren Übergänge denkbar sind, hebt das Stück zwei Positionen eigenständiger hervor: Zunächst Don Franco als «Geschäftsmann» der Camorra (Jörg Da­the), eine Gestalt, die bei aller Präsenz doch im Hintergrund agiert. Und dann Don Pasquale (Ingo Biermann), der Schneider der Haute Couture, der aufgibt, als er bei der Oscar-Verleihung erkennt, dass Angelina Jolie den weissen Hosenanzug trägt, den er als sein Meisterwerk angefertigt hat. Don Pasquale findet im Stück ebenso den Tod wie Kit, dessen «Karriere» nach einer Reihe von Raubüberfällen im Alter von fünfzehn Jahren endet.

Man wüsste gern, dass hier «nur» Theater gespielt wird. Doch die Realität wird so aussehen – oder noch erschreckender.

Weitere Vorstellungen bis 27.5. theaterkonstanz.de

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