THEATER: Verloren auf der Suche nach Tönen

Mit «Der Auftrag oder Ekkehard Gilgs Häutung» bringt Matthias Peter einen St. Galler Roman in einer szenischen Lesung auf die Bühne. Ein Zeitdokument und eine Auseinandersetzung über das Ich in der Welt.
Mirjam Bächtold
Alexandre Pelichet, Matthias Peter und Simone Stahlecker in einer szenischen Lesung auf der Bühne der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Alexandre Pelichet, Matthias Peter und Simone Stahlecker in einer szenischen Lesung auf der Bühne der Kellerbühne. (Bild: Urs Bucher)

Mirjam Bächtold

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Drei geflochtene Stühle, eine Stehlampe, ein Strauss Rosen, ein Klavier – es braucht nicht viel auf der Bühne der Kellerbühne. Die Hauptrolle spielt Hans Rudolf Hiltys Text aus seinem Roman «Parsifal». Matthias Peter inszeniert diesen als szenische Lesung in der Kellerbühne und «spielt» dabei auch gleich die Hauptrolle. In der Mitte sitzt er, erhöht auf einem Podest, flankiert von ­Alexandre Pelichet und Simone Stahlecker, die beide je etwa zehn Rollen sprechen. «Parsifal» ist der zweite St. Galler Roman, der in der Kellerbühne als szenische Lesung umgesetzt wird. 2015 zeigte dasselbe Team eine ­Lesung zu Victor Hardungs «Die Brokatstadt». «Wir möchten die Auseinandersetzung mit dem ­Literaturschauplatz St. Gallen fortsetzen», sagt Matthias Peter. Am Montag ist die Premiere.

Viele Erzählstränge

Es ist viel Stoff, den Hans Rudolf Hilty in seinen 400-seitigen ­Roman gepackt hat. Nachdem der Protagonist, der Klavierlehrer Ekkehard Gilg (genannt Parsifal), radioaktiv verseuchten Thunfisch gegessen hat, setzt er sich mit den grossen Fragen der atomaren Bedrohung auseinander. Etwa gleichzeitig verschafft ihm sein Studienkollege «Trotzki» ­einen Kompositionsauftrag für das alte Stadttheater am Bohl. Er soll die Musik zu einem Ballett nach Antoine de Saint-Exupérys «Le petit prince» komponieren. Während er nach Tönen sucht, verliebt er sich in die junge Solotänzerin Rahel Aubépine. Das ­alles in zwei Stunden zu erzählen, ist eine Herausforderung. Matthias Peter hat den Roman gekürzt, hat viele weitere Erzählstränge weggelassen und den Roman für die Bühne adaptiert. Trotzdem ist es nach wie vor eine Lesung, auch wenn vor allem die zwei Schauspieler Pelichet und Stahlecker zwischen den verschiedenen Rollen durch kleine Gesten und Stimmlagen Unterschiede zeigen. So gibt Pelichet den Trotzki breitbeinig mit selbstgefälligem Grinsen und kumpelhafter Art, den Bankdirektor Stüssi verklemmt mit geradem Rücken und zusammengepressten Beinen und den Arzt mit überschlagenen Beinen nachdenklich die Hand ans Kinn gelegt. Bei Matthias Peter klingt das Ganze mehr nach Lesung als nach Figur, er überzeugt mehr in den Dialogen.

Bilder aus der damaligen Zeit

Mit Projektionen von Schwarz-Weiss-Bildern des damaligen St. Gallen wird die Lesung untermalt. Die Aufnahmen aus dem Staatsarchiv versetzen den Zuschauer ins Jahr 1957, in dem der Roman spielt. Darunter sind auch Innenaufnahmen des alten Theaters, aus dem Zuschauerraum und von der Bühne. Die Ballettaufführung, die von Hilty detailgetreu beschrieben wird, begleitet Musiker Urs Gühr auf dem Klavier. Und auch die anderen Szenen untermalt er mit passender Musik. Ekkehard Gilg verliert sich immer mehr in den grossen Fragen der Philosophie, sieht sich selbst der Welt gegenüber, nicht mehr als Teil von ihr. Er liest Paul Klees Tagebücher und Kandinskys Schrift «Über das Geistige in der Kunst» und hat noch nicht ­einen Ton seiner Komposition ­geschrieben.

Genauso fühlt man sich stellenweise auch als Zuschauer. Man fragt sich, wozu jetzt noch ein Erzählstrang geöffnet wird, noch eine neue Frauengeschichte angeschnitten wird, zu welchem Ziel die neuen Gedanken führen. Die im Titel versprochene Metamorphose des Protagonisten wird erst zum Schluss spürbar, als nicht Klee und Kandinsky, sondern Rahel Aubépine ihn dazu bringt, endlich mit dem Komponieren zu beginnen.

Hinweis Mo/Mi/Fr, 14./16./18.5., 20 Uhr

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