Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

THEATER: Verhaltet euch ruhig

Was ist Terrorismus? Und wie «real» ist er für den Einzelnen? Das Theaterstück «Ich rufe meine Brüder», das in Konstanz auf die Bühne kommt, spielt mit der Verunsicherung.
Brigitte Elsner-Heller
Thomas Fritz Jung und Arlen Konietz als die Freunde Shavi und Amor. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Thomas Fritz Jung und Arlen Konietz als die Freunde Shavi und Amor. (Bild: Ilja Mess/Theater Konstanz)

Europäer zu sein, wurde eine weltweite «Erfolgsgeschichte». Was es bedeutet, dem Abstammungsmuster «europäisch, weiss» nicht zu entsprechen, haben nicht nur die Nachfahren der als Sklaven vermarkteten Afrikaner erfahren. Längst sind andere Varianten im Spiel.

«Es ist unmöglich, ein Teil der Gemeinschaft zu sein, wenn die Macht ständig voraussetzt, dass du ein anderer bist», schreibt der Autor Jonas Hassen Khemiri, der 1978 als Sohn einer Schwedin und eines Tunesiers in Stockholm geboren wurde. Sein Theaterstück «Ich rufe meine Brüder» ist in Reaktion auf einen terroristischen Anschlag in Stockholm entstanden – und durch seine Ambivalenzen irritierend. In der Spiegelhalle des Konstanzer Theaters ist es auf die Bühne gekommen.

Der Lastwagen als zentrales Bühnenelement

Noch spielen sie Basketball, die Jugendlichen, die sich schon lange kennen und mit Musik ihr Leben geniessen. Doch hinter ihnen steht bereits der Lastwagen, der als zentrales Bühnenelement bald rotieren und zum Wohnzimmer oder zur Tanzfläche werden wird. Aber in erster Linie ist er ein Zeichen für den Terror: «Ein Mann, ein LKW, mitten in der Stadt!»

Während Shavi, Schulfreund und jetzt auch Vater, versucht, Amor auf dem Handy zu erreichen, ist Amor betrunken auf der Tanzfläche. Seine Gedanken kreisen um die Vergangenheit, darum, unglücklich verliebt zu sein und auch Shavi an Kind und Elternzeit verloren zu haben. In dieser Verfassung ziehen sich die Stricke enger um ihn. Er bezieht zunehmend die Begleitumstände des Terroraktes auf sich, die Telefonate mit den «Brüdern», mit seiner Familie im fernen Land und mit seinen Freunden bekommen eine verschwörerische Note: «Verhaltet euch in den nächsten Tagen ruhig. Bleibt zu Hause. Löscht das Licht. Verschliesst die Türen.»

Die Inszenierung (Regie: Stefan Eberle) hat viel Dynamik, die von den Schauspielern getragen wird. Arlen Konietz ist als Amor eine kantige und auch sensible Erscheinung – wie überhaupt viel Sympathie für die jugendlichen Protagonisten zu spüren ist. Shavi wird mit Thomas Fritz Jung zum gemütlichen Zeitgenossen, der sich um den Freund sorgt, dabei aber auch schon mal das weinende Baby vergessen kann. Und Laura Lippmann ist für quirlige Frauenpower zuständig – muss damit aber Amor auch das Herz brechen.

Jeder ist irgendwo ein Fremder

Mit Bedacht wurden keine dunkelhäutigen Schauspieler und Schauspielerinnen eingesetzt, auch keine entsprechenden Ausstattungsmerkmale gewählt. Denn je nach Situation ist bekanntlich jeder irgendwo ein Fremder, kann auffällig werden oder besser: erscheinen. Amor jedenfalls wird nach dem Entsetzen über die Tat in Stockholm in seiner Fantasie selbst zum Täter oder jedenfalls zum Verfolgten. Der Druck, der auf vermeintlich «Andersartigen» in einer Gesellschaft lastet, kann enorm sein. Jeder Blick kann auffällig erscheinen, aber genauso auch jede Blickvermeidung. Kann es da einen Ausweg geben? Wer sind dann «die Brüder»?

Ein schwieriges Stück, das eine schwer zu entziffernde Logik aufweist, aber doch beachtlich auf die Bühne gebracht wurde.

Brigitte Elsner-Heller

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.