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THEATER: Verdingbub wird Revolutionsheld

So wünscht man sich ambitionierte Laienbühnen: Die neue Eigenproduktion des Chössi-Theaters Lichtensteig macht auf Oktoberrevolution – mit viel Schalk. Ein Toggenburger wird gar zum Helden. Ein vergnügliches Geschichtsspektakel.
Hansruedi Kugler
Lenin (Daniel Raillard) drückt dem Toggenburger Ex-Verdingbub Dimitri (Ramon Stadler) Revolutionsorden an die Brust. (Bild: Urs Bucher)

Lenin (Daniel Raillard) drückt dem Toggenburger Ex-Verdingbub Dimitri (Ramon Stadler) Revolutionsorden an die Brust. (Bild: Urs Bucher)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Sputnik fliegt als erster Satellit ins All, die Sowjetunion feiert sich als Weltmacht. Man schreibt das Jahr 1957 – und Dimitri Sauchaibowitsch Toggenjew (!) fällt bei der Parade vor dem Kreml tot um. «Saucheib» Dimitri ist eigentlich der «Dings» aus dem Toggenburg, ein namenloser Verdingbub und Knecht, der 1915 nach Zürich geflüchtet ist – direkt in die Arme der schönen Revolutionsschwärmerin und Medizinstudentin Irina (sehr charmant: Sasha Vogt und Alicia Bischoff): Die wickelt selbst Revolutionsführer Lenin im Zürcher Exil mühelos um den Finger. Die wahnwitzige Liebes- und Revolutionsgeschichte des Schweizer Revoluzzers – vom Toggenburg über Zürich bis nach Russland – ist natürlich erfunden, gibt aber dem Stück «Oktober im Mai» den roten Faden. Das darf man wörtlich nehmen, denn in Lichtensteig steht ein gewaltiges Kapitel kommunistischer, eben roter Weltgeschichte auf der Bühne: mit einem gescheiten Text, den Drehbuchautor Michael Hasenfuss humorvoll als rasante und historisch sattelfeste «Geschichtsverfälschung» geschrieben hat.

«Klassenkampf ist der eigentliche Krieg»

Das visuelle Konzept funktioniert in dieser ambitionierten Produktion einleuchtend: Begleitet von pathetisch raunender Stummfilmmusik sitzt man hier fast wie im 3D-Kino bei der harten Fabrikarbeit oder mitten in Demonstrationen. Dann bei der legendären Versammlung in Zimmerberg während des Ersten Weltkriegs («Die Sozialdemokratie hat das Proletariat verraten»), in einer Beiz bei einer Arbeiterversammlung, im Hotel Dolder, im Personalbüro von Escher-Wyss (wo Dimitri zu hören kriegt: «Wenig Grips, wenig Lohn»). Später dann im Kommunistenbüro in Petersburg. Filmemacher Michael Egger projiziert auf drei nebeneinander stehenden Leinwänden historische Filmaufnahmen: Hauptsächlich mit Material aus Sergej Eisensteins «Oktober», den dieser 1927 als Propagandafilm gedreht hatte – das wirkt immer noch wuchtig, auch wenn da viel Fake dabei ist.

Ein bisschen Geschichtskenntnis ist zwar hilfreich – aber die Regie (Barbara Bucher) lotst mit gut portionierten Szenen sicher durch die Historie und die Liebesgeschichte. Es ist ein theatrales Schelmenstück. Was hat das mit der Schweiz zu tun? Einiges: Schliesslich begann die Russische Revolution eigentlich in der Schweiz: mit Lenins Zugfahrt aus Zürich nach Petersburg. Und die sozialen Unruhen in der Schweiz hatten jene Fiebrigkeit, die dem Bürgertum so Angst einjagte, dass Soldaten den Landesstreik 1918 niederschlugen.

Lenin nascht am liebsten Pralinen

Der Schalk tut dem angesichts Millionen Toter bleischweren Thema gut – auch wenn Lenin, der gerne Pralinen nascht, unfreiwillig wie ein Pantoffelheld wirkt. Er, der ein skrupelloser Ideologe und Machtmensch war. Die Lacher hat Daniel Raillard auf sicher. Ebenso wie die überkandidelte Mascha (Mirjam Bächtold): Sie verspottet die Revolutionäre und erfindet für Dimitri eine Urgrossmutter, die noch Napoleon gekannt habe. Oder der Oberinspektor der politischen Polizei (Christoph Käsermann), der verbiestert und ungeschickt herumschnüffelt. Ein wenig Mitleid hat man mit dem melancholischen Trotzki und auch ein bisschen mit der Zarenfamilie; etwas weniger jedoch mit grotesken Weltkriegsgenerälen und brutalen Bürokraten – am Ende schafft «Oktober im Mai» den Spagat zwischen Geschichtsstunde und Komödie: ein intensiver Blick in die Vergangenheit und ein turbulenter Theaterabend. Ein Beleg, dass mit professioneller Regie, Bühne und Drehbuch auch mit Laiendarstellern sehenswertes Theater möglich ist.

Mi–Sa, 20.15 Uhr, Sa auch 16 Uhr, Chössi-Theater Lichtensteig Fr, 10.11., 20 Uhr, Alte Stuhlfabrik Herisau

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