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THEATER: «Verdammt, das ist keine Bagatelle»

In «Falsch», der Eigenproduktion der Kellerbühne St. Gallen, steigert sich Fahrerflucht in Geschwisterkrieg und existenzielles Verwirrspiel um Wahrheit, Wahrnehmung und Schuld. Die etwas schematische Geschichte fasziniert dank subtiler Darsteller.
Hitziges Gefecht in der Zelle: Ge (Alexandre Pelichet) würgt Sis (Sabine Martin), während Kat (Suly Röthlisberger) erstarrt. (Bild: Urs Bucher)

Hitziges Gefecht in der Zelle: Ge (Alexandre Pelichet) würgt Sis (Sabine Martin), während Kat (Suly Röthlisberger) erstarrt. (Bild: Urs Bucher)

Wegsehen, Verantwortung verdrängen, ja gar Augen zu und sich in die Illusion flüchten, da sei gar nichts Schlimmes geschehen: Wer kennt das nicht? So geht es denn auch Sis (Sabine Martin), eine erfolgreiche TV-Moderatorin. Ihre äussere Ruhe ist trügerisch: innerlich ist sie enorm angespannt. Kein Wunder, hat sie doch nachts nach einem Familienfest eine Radfahrerin mit dem Auto totgefahren und Fahrerflucht begangen. Nun sitzt sie auf der rosa Bühne, klopft mit den Fingernägeln an die Sitzbank. «Kannst Du damit aufhören!», schreit ihre Schwester Kat (Suly Röthlisberger), Alkoholikerin und Theaterschauspielerin, die ihre besten Tage hinter sich hat. Sie hasst Lügen, trägt ihren Idealismus vor sich hin und tigert nervös vor Sis rum, denn Kat sass betrunken auf dem Beifahrersitz und kann sich an nichts erinnern. Nun stecken sie in einer rosa Polizeizelle (soll beruhigen, heisst es im Programmheft) und legen sich eine Strategie zurecht: Da war nur ein Strassenpfosten, eine Radfahrerin haben wir nicht gesehen – hoffnungslose Rettungsversuche. Und ein bohrender Selbstzweifel: «Bist du sicher, dass nicht ich gefahren bin», fragt Kat. Die Anspannung treibt sie in wüsten Schwesterstreit: Höhnische, alte Vorwürfe («Kat, Du mit Deinen Idealen bist nur neidisch», «Du, Sis, bist eine ersetzbare Puppe») und Misstrauen («Was hast Du der Polizei erzählt?») mischen sich. Das krimiinspirierte Seelen- und Familiendrama gäbe Stoff genug für einen Theaterabend. Und man schaut den Schauspielerinnen sehr gerne zu, wie sie sich in ihrer Einsamkeit und erzwungenen Loyalität bekriegen – wunderbar doppelbödig und psychologisch subtil gespielt.

Die niederländische Erfolgsautorin Lot Vekemans schleust nun aber nach einem etwas schematischen Existenzialismus den Unfallzeugen in die Polizeizelle ein. Der cholerische Zellbiologe Ge (Alexandre Pelichet) sitzt selbst in Haft, weil er einen Polizisten geschlagen hat. Er referiert ins Über-Ich einer Überwachungskamera zu Zellen und deren Analogie zum menschlichen Zusammenleben – sowie über Wahrheit und Wahrnehmung. Dass er damit eigene Emotionalität und mögliche Verstrickung in den Tod der Radfahrerin überdeckt, legt die Inszenierung von Matthias Peter nahe und bringt Pelichet mit beharrlicher Nonchalance auf die Bühne – mit offenem Ende. Das muss in einem existenzialistischen Krimi so sein: Schuldig sind immer alle. Inwiefern, das müssen die Figuren und wir selbst erkennen.

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Hinweis

bis 18.3. Kellerbühne St. Gallen

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