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THEATER: Unbehindert sprengen sie Grenzen

Sie wurden mit Preisen ausgezeichnet, weltweit zu Gastspielen geladen, und trotzdem müssen sie sich Vorurteilen erwehren. Dass im Theater Hora geistig behinderte Menschen auf der Bühne spielen, löst seit 25 Jahren Irritationen und Begeisterung aus.
Julia Nehmiz
Szene aus «Bob Dylans 115ter Traum» – im Hintergrund Regisseur Michael Elber. (Bild: PD)

Szene aus «Bob Dylans 115ter Traum» – im Hintergrund Regisseur Michael Elber. (Bild: PD)

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@tagblatt.ch

Die Probe beginnt erst in über einer Stunde, doch Noha ist schon da. Der Schauspieler sitzt in der Garderobe, vor sich seinen Laptop. In der kleinen Küche nebenan blubbert Kaffee durch die Maschine. Über dem Spülbecken hängt ein Plan, wer wann einkaufen oder abwaschen muss. Die Garderobe ist zugleich Aufenthaltsraum, Treffpunkt, Rückzugsort. Das Ensemble des Theaters Hora hat sein Domizil gefunden. Seit 2015 ist es in der Roten Fabrik Zürich beheimatet, nach Jahren der Wanderschaft zuvor. Seit zwei Jahren wird es von der Stadt Zürich mit einem jährlichen Beitrag unterstützt.

Einer nach dem anderen trudelt herein, begrüsst alle herzlich, schlüpft in Trainingsklamotten. Unten bereiten Assistentin Amadea und Praktikant Emu die Probe vor, der künstlerische Leiter Michael Elber holt sich rasch einen Kaffee, dann muss er noch Wäsche waschen. «So ist das bei uns», sagt er und grinst. «Alle machen alles. Auch die Wäsche.»

«Mit Händen und Füssen, das ist auch Sprache»

Die 16 Schauspielerinnen und Schauspieler sind im Hundert-Prozent-Pensum beim Theater angestellt. So auch Matthias Grandjean, der Dienstälteste des Ensembles. Seit 2003 spielt er bei Hora, «ach, das erzählt er gerne», frotzelt Remo Beuggert, der seit 2007 dabei ist. Die Schauspieler sitzen in der Garderobe, bald geht die Probe los, offen und engagiert erzählen sie von ihren liebsten Aufritten («New York, so geil!», «Berlin, das ist meine Lieblingsstadt», «Südkorea»), von Workshops («in Singapur, das war super, wir haben nicht die gleiche Sprache gesprochen, trotzdem haben wir toll miteinander improvisiert», «mit Händen und Füssen, das ist auch Sprache»), von Lieblingsstücken («Quasimodo», «Dali», «Disabled»).

Michael Elber schaut müde aus, seine Stimme klingt belegt. Ja, es war anstrengend, in den letzten drei Tagen Gastspiele an drei verschiedenen Orten in der Schweiz, jeden Tag morgens hinfahren, ausladen, aufbauen, spielen, abbauen, einladen, heimfahren, spät nachts ankommen. «Ich merke, ich bin halt nicht mehr 40», sagt der 60-Jährige.

Doch das aktuelle Tournee-leben, das hat er so gewollt. Das neuste Hora-Stück «Bob Dylans 115ter Traum», das er sich und seinem Theater zum 25-Jahr-Jubiläum schenkte, hat er als Varieté konzipiert, mit dem seine Truppe durch das Land zieht. Elber hat Songs von Dylan und Songs der Hora-Band verwebt mit der Odyssee und der Hora-Geschichte. «Bob Dylans Lebensthema, die Erwartungen der anderen nicht zu erfüllen, ist auch das Thema unserer Schauspieler. Sie haben schon mit der Geburt die Erwartungen nicht erfüllt», sagt Elber. Seine Schauspieler konnten mit Bob Dylan wenig anfangen, erzählt er. Erst mit der Odyssee, der märchenartigen Erzählung vom Suchen und Finden, da habe es langsam gegriffen.

Es wird nicht theäterlet, hier wird Theater neu definiert

Hora hat eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, die eng mit Michael Elber verwoben ist. Er hat das Theater für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Es dauerte, bis sein Ensemble Anerkennung bekam, bis Publikum und Theaterkritiker wussten, wie damit umgehen, wenn geistig behinderte Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne stehen. Oft wurde der Vorwurf laut, das sei Missbrauch, die Spieler könnten gar nicht reflektieren, was sie da tun. Doch Elber und sein Ensemble liessen sich nicht unterkriegen. Mit der Inszenierung «Disabled Theater» des französischen Choreografen Jérôme Bel eroberten sie Theaterbühnen weltweit. Mit der Einladung zum Berliner Theatertreffen 2013 wurde quasi offiziell bewiesen, hier wird nicht mit Behinderten theäterlet, hier entsteht Schauspielkunst, hier werden Grenzen gesprengt, Theater neu definiert.

Plötzlich setzt im Hora-Raum in der Roten Fabrik Musik ein, das Zeichen, dass die Probe beginnt. Aufwärmen, tanzen, dehnen. Anschliessend stinknormales Schauspieltraining: Achtsamkeit, Impulse wahrnehmen, sich gegenseitig wahrnehmen. Und wie die Akteurinnen und Akteure durch den Raum laufen, entstehen immer wieder spielerische Momente, theatrale Begegnungen. «Meine Leute haben teilweise ein unglaubliches Talent für Timing, ein Gespür für völlig schräge Dinge, die wir uns nie getrauen würden zu tun», sagt Michael Elber. Und wenn seine Truppe spielt, rücken die Behinderungen in den Hintergrund. Dann zählt nur der Moment, das Hier und Jetzt auf der Bühne.

Hinweis

«Bob Dylans 115ter Traum», Gastspiel Theater Hora, Fr/Sa 9./10.3. im Palace St. Gallen

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