Theater um des Theaters willen

«Der Vater» von August Strindberg wird in der Konstanzer Aufführung zum Zeugnis heutiger Lebensauffassung. Die Regisseurin Johanna Wehner verpasst es allerdings, die Einzelteile zu einem schlüssigen Bild zu fügen.

Brigitte Elsner-Heller
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Sehr leise kann der Rittmeister (Andreas Haase) sein. Hinter ihm seine Frau (Natalie Hünig). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

Sehr leise kann der Rittmeister (Andreas Haase) sein. Hinter ihm seine Frau (Natalie Hünig). (Bild: Theater Konstanz/Ilja Mess)

KONSTANZ. Dinge sind ständig im Fluss, wobei man sich doch gelegentlich wundern darf. So wurde für die laufende Spielzeit des Konstanzer Theaters die jüngste Premiere noch als «Der Vater oder Ben Cartwright darf nicht sterben» angekündigt. Ein «europäisch-amerikanischer Theaterabend» nach Strindberg sollte es unter der Regie von Intendant Christoph Nix werden – man hatte die Spielzeit ja unter das Amerika-Motto gestellt. In der Tat taucht das Konterfei Ben Cartwrights im Programmheft noch auf, ebenfalls auf dem Plakat. Nur gibt es jetzt Strindberg «pur» unter der Regie von Johanna Wehner.

Wider die Prinzipienreiterei

«Ich erlebe oft, dass verlangt wird, dass man für irgendetwas grundsätzlich einstehen soll, um irgendeine bestimmte Struktur zu bestätigen, statt Dinge inhaltlich zu betrachten», hat Johanna Wehner vorab zur ihrer Inszenierung geäussert. Einen Theaterabend wider die Prinzipienreiterei hat sie anhand des Ehekrieges zwischen dem Rittmeister und seiner Frau Laura tatsächlich entworfen – aber ob die Strukturierung dabei auch gleich ad acta gelegt werden sollte?

Interessant ist der Abend schon. Gut lässt sich studieren, welche Elemente Theater ausmachen: Bühne und Ausstattung, Licht, Ton/Musik, Text und Darsteller. Bei der Inszenierung von «Der Vater» kann man jedem dieser Einzelaspekte Lob zukommen lassen. Bühnenbildner Cedric Kraus hat die Welt August Strindbergs durch schräge Ebenen schön aus der Balance gebracht.

Das ganze sprachliche Spektrum

Im Hintergrund grenzt ein Theaterhimmel den Bühnenraum von der Hinterbühne ab, eine gute Projektionsfläche für die Lichtregie, die wie William Turner in Farbräumen schwelgt.

Auch das, was die Schauspieler zum besten geben, ist spannend zu verfolgen. Bewegungsabläufe werden sichtlich ausgekostet, das Timing untereinander stimmt, und mit dem Text wird immer wieder die Wandelbarkeit des Ausdrucks geprobt, so dass das Spektrum sprachlicher Äusserungen von der hohen Dichtung bis zu Slam-Poetry reicht. Jeder scheint dabei jeden übertreffen zu wollen, und vieles von dem, was Strindberg so leiden machte, wird zur Comedy. Das alles wirkt sehr heutig, und von den Schauspielerkollegen, die im Publikum sitzen, sind immer wieder laute Lacher zu vernehmen.

Dem Autor entzogen

Johanna Wehner hat sich Strindberg allerdings entzogen, war nicht willens, seine Vorgabe eins zu eins zu übernehmen. Wie auch im Jahr 2015? Dennoch geht dadurch manches verloren. Andreas Haase, der den Rittmeister gibt, bleibt der Rolle am ehesten treu. Sehr leise kann er sein und wird dabei eindrücklich, auch ein Leidender. Natalie Hünig als seine Frau Laura tritt ganz schön ausgefuchst auf, ein ernstzunehmender Gegenpart zu ihrem Gatten. Thomas Ecke als Arzt wird dafür von der Regie auf die Comedy-Ebene gehievt, ebenso Odo Jergitsch als Pastor.

Unterhaltsam und doch nicht ganz sinnentleert zeigen sich Julian Härtner als jugendlicher Draufgänger Nöjd sowie Eléna Weiss als Tochter Berta. Die Amme schliesslich, des Rittmeisters Relikt aus der Kindheit, kreucht als schwarzes Gespenst mit Rollator durch diverse Szenen. Sollte Monty Python hier Pate gestanden haben, sollte man das besser ganz schnell wieder vergessen.

Wo bleibt die Sinnfrage?

So weit zu den Einzelteilen. Oberspielleiterin Wehner hat es allerdings nicht verstanden, sie bruchlos zu einem Bild zu fügen. So bleibt der Abend in Erinnerung als einer, bei dem es darum ging, zu zeigen, wer was wie gut kann. Als handle es sich um ein Vorsprechen, um die Vorstellung eines Projekts, um sich für eine Aufgabe zu empfehlen. Oder legt es unsere Zeit nahe, sich der Sinnfrage bereits grundsätzlich zu entledigen?

Weitere Vorstellungen: 3.6. bis 2.7. www.theaterkonstanz.de