Bühne
Theater im alten Krematorium: Wenn Romeo und Julia in der Apokalypse landen

Mit dem Fellmann-Stück «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» startet das Kleintheater Luzern fulminant und in spektakulärer Kulisse in die neue Saison.

Stefan Welzel
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Ein Stück in prächtigem Setting: «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» findet im Park des alten Krematoriums statt.

Ein Stück in prächtigem Setting: «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» findet im Park des alten Krematoriums statt.

Bild: Marco Sieber

Über 400 Jahre sind sie nun schon zusammen. Und jeden Tag sterben und lieben sie von Neuem. Das zehrt aus, das hat etwas gemacht mit «Romeo und Julia». Und wenn die Liebenden aus Shakespeares Klassiker im Überlebenden-Camp der Apokalypse ankommen, wollen sie eigentlich nur noch «gern sterben, und zwar richtig sterben». Ein für alle Mal.

Willkommen im Theaterstück «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» des Kollektivs Fetter Vetter & Oma Hommage. Zwar sind wir zum Zeitpunkt von Romeos (Manuel Kühne) und Julias (Miriam Japp) Eintritt in die Szenerie schon etwas länger Zeuge davon, wie drei Bewohner (Christoph Künzler, Matthias Kurmann, Stefan Schönholzer) des trostlosen Camps die Zeit totschlagen. Aber sie steht sinnbildlich dafür, in welch chronologisch asymmetrische Welt voller Absurditäten uns Textschreiber Christoph Fellmann mit dieser neusten Produktion entführt.

Unter der Regie von Damiàn Dlaboha entstand ein zweieinhalbstündiger Hybrid aus typischem Autorentheater voller dramaturgischer Kniffe und Brüche, einer Anklage unseres Konsumverhaltens, einem Schuss Musical und ganz viel Satire. Die Produktion ist zugleich Auftakt in die neue Saison des Luzerner Kleintheaters, welches sich dafür einen spektakulären Aussenspielort ausgesucht hat – «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» findet vor der Kulisse des alten Krematoriums im Friedental statt. Am Freitagabend erschwerte lang anhaltender Regen die Premierenvorstellung, was das Ensemble aber nicht davon abhielt, den breiten Themenbogen Fellmanns auf überzeugende Art umzusetzen.

Aberwitzige Gedankenkonstrukte

Und das ist nicht so einfach, wenn man sich Dichte und Komplexität des Stoffes vor Augen führt. Rasend schnell eilen die Spielenden von einer aberwitzigen Erörterung zur nächsten, beginnen dabei eine Art historischen Abriss vom ersten sesshaften Bauer über den geldgeilen Erfinder des elektrischen Autoanlassers bis zum skrupellosen Ingenieur der ersten Atombombe. An einem Wasserloch lebend (das Becken im Krematoriumspark) beginnen sie gleichzeitig mit der Suche nach den Zutaten für eine Pizza, die sie zusammen backen wollen. Eigentlich leiden sie unter Hunger und allem möglichen Mangel, und «das Metall wurde noch gar nicht erfunden». Doch hoch oben auf einer der Terrassen, die links und rechts von der steilen Treppe abgehen, steht eine Kühltruhe, aus der die Protagonisten immer wieder und wie beiläufig Cola und Chips entnehmen. Einer von vielen der erwähnten Kniffe, die die Logik aushebeln.

Die Gestrandeten (von links: Matthias Kurmann, Christoph Künzler und Stefan Schönholzer) sinnieren über ihr Los.

Die Gestrandeten (von links: Matthias Kurmann, Christoph Künzler und Stefan Schönholzer) sinnieren über ihr Los.

Bild: Marco Sieber

Letztlich richten es sich die Gestrandeten in ihrer kleinen Oase recht gut ein. So schlecht geht es ihnen gar nicht in dieser kaputten Welt. Weshalb einer auch erwähnt, dass, wenn es so schlimm wäre, Google bestimmt etwas dagegen gemacht hätte. Kaum gesagt, schon sind wir wieder zurück in der Urzeit, wo man zuerst die Sense erfinden muss, um den Weizen ernten zu können. Daraufhin singt Julia ihre Sensen-Sonate.

«Eine Warenkette für Gefühle»

Unaufhaltsam geht der chronologische Strom weiter in Richtung Fortschrittsfalle. Verschiedene Zeitebenen mäandrieren um- und ineinander, bis am Ende die Pizza doch gebacken werden kann und sich Romeo und Julia nach 430 Beziehungsjahren trennen. Sie wollen nämlich weiterleben, zusammen geht das aber nicht mehr. Die Erkenntnis naht, dass wir in Zeiten globalisierter Warenflüsse eigentlich auch «eine Warenkette für Gefühle brauchen», welche man am besten aus einem Drittweltland importiert. Bei uns müsste man sie nur noch verfeinern.

Trennen sich am Ende: Romeo (Manuel Kühne) und Julia (Miriam Japp).

Trennen sich am Ende: Romeo (Manuel Kühne) und Julia (Miriam Japp).

Bild: Marco Sieber

Es ist eine von sehr vielen Gedankenanregungen, die uns Christoph Fellmann in diesem Stück mit auf den Weg gibt. Kapitalismuskritik inklusive – natürlich auch das. Und am Menschen an sich. Ein seltsames Wesen ist er, der dem armen Zwergpinguin namens Knausgard (gespielt von Fellmann selbst) den Brutplatz mit Autos zuparkt. Die Endzeit in diesem Stück bleibt unübersichtlich, chaotisch, wild, beinahe etwas überladen – und doch ist «Apocalypse Now (And I Feel Fine)» derart fulminant und kurios, dass man von einem sehr geglückten Kleintheater-Saisonstart sprechen kann.

Weitere Vorstellungen bis zum 18. September, www.kleintheater.ch

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