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THEATER ST.GALLEN: Nur noch schnell ein, zwei Sachen machen

Zeitstück, Beziehungsdrama, Sprechoper: Felicia Zellers «X-Freunde» in der Lokremise glänzt durch Multitasking. Regisseurin Sophia Bodamer balanciert zwischen kühlem Horror und Groteske; die Schauspieler hängen sich richtig rein.
Ohne Tasche geht bei Anne (Anja Tobler) nichts. Holger (Oliver Losehand) stört bloss zwischen Büro und Homeoffice. (Bild: Tine Edel)

Ohne Tasche geht bei Anne (Anja Tobler) nichts. Holger (Oliver Losehand) stört bloss zwischen Büro und Homeoffice. (Bild: Tine Edel)

Wer nichts zu tun hat, fängt am besten schon mal an. Erst recht, wenn er sein eigener Chef ist, also nicht das, was man sich früher einmal darunter vorgestellt hat: lang ausschlafen, in der Sonne sitzen und arbeiten, wenn man die besten Ideen hat. Sondern richtig streng mit sich, ein dermassen stressiger Selberchef, «so eine richtige Sau». An Ideen mangelt es Peter Pilz (Christian Hettkamp) nicht, schliesslich ist er Konzeptkünstler und Bildhauer. Eher hapert es mit der Umsetzung. 4000 Followers sitzen ihm im Nacken, seit er mit der Skulpturenserie «X-Freunde» einen Knüller hingelegt hat. Die Galerie wartet, die Kuratorin nervt. Derweil twittert Peter um sein soziales Überleben, so eifrig, dass er eben nicht... Aber etwas machen muss man ja doch. Also poliert er, noch bevor es richtig losgeht mit dem Sprach- und Arbeitswahn des Stücks, eine chromglänzende Drehscheibe. Sie ist nur eine von mehreren Installationen, die Ausstatterin Prisca Baumann dem workaholisierten Trio Peter, Anne und Holger als Parcours hingestellt hat: Variationen zum Thema Hamsterrad, ästhetisch auf der Höhe der Zeit, immer latent in Bewegung.

Am Puls der Zeit ist auch das Drama selbst, 2012 uraufgeführt und seither emsig gespielt, als wortgewaltiger Ausklang eines ganz normal wahnsinnigen, nie endenden Arbeitstags, den Anja Tobler alias Anne Holz mit gruseliger Perfektion vorführt. Immer hat sie noch eine Präsentation, eine entscheidende Konferenz, den nächsten frühestmöglichen ICE vor sich. Und immer sitzt die Frisur. Ihr Mann Holger, arbeitsloser Catering-Unternehmer, stört bloss mit seinen unermüdlichen Versuchen, zu leben wie ein Mensch – womöglich wie einer, der liebt und geliebt wird.

Die Sätze sind immer ein paar Gedanken weiter

Die Automatisierung ist weit fortgeschritten und zieht ihre Macher und Kreativen hinter sich her: Um diese Einsicht herum tobt sich der Text der 47-jährigen Felicia Zeller aus. Allein mit der Sprachpartitur aus lückenhaften, sich überlagernden, an Dialogen haarscharf vorbeizielenden Sätzen leisten die Schauspieler Grosses: Anja Tobler, Oliver Losehand als quengelig verletzlicher Schluffi Holger und Christian Hettkamp als ichverliebter Aufschubkünstler. Die Regie beschränkt sich freilich nicht auf Satzhülsen-Dauerfeuer. Sie choreografiert und verfremdet durch Licht und Kamera. Mehr Raum für die X angerissenen, zutiefst bedenkenswerten Fragen, die uns der Text entgegenschleudert, schafft das nicht. Aber wir hätten sowieso gerade anderes zu tun.

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Nächste Vorstellungen: 24., 26., 29., 30.9., 4.10., 6.10., 20 Uhr, Lokremise St. Gallen.

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