THEATER: Spitze Pfeile gegen rüde Regenten

Am Donnerstagabend feierte das Stück «Hungaricum», ein Stück der russischen Dramatiker Oleg und Wladimir Presnjakow, ­Premiere in der St. Galler Lokremise. Die bitterböse Groteske erweist sich auf der Bühne als harmlos.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die falsche Polizistin (Diana Dengler) durchsucht den jungen Mann (Tobias Graupner), der Kokain schmuggeln will, auf unzimperliche Art. (Bild: Dorothea Tuch)

Die falsche Polizistin (Diana Dengler) durchsucht den jungen Mann (Tobias Graupner), der Kokain schmuggeln will, auf unzimperliche Art. (Bild: Dorothea Tuch)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen: Ein formidabel eingespieltes Ensemble, eine erfahrene Regisseurin, ein Text, so bärbeissig, dass sogar Viktor Orbán die Ohren wackeln dürften. Man stellt sich vor, dass schon die erste Leseprobe ein Riesenspass gewesen sein muss bei Sätzen wie diesem: «Immerhin lebe ich noch. Wer kann das heute schon von sich sagen?»

Doch nun gilt es ernst. Das Publikum hat die Wahl, einen von zwei Eingängen zu benützen und sitzt dann rechtwinklig zueinander im Ungarn- beziehungsweise Schweizerlager. Letzteres bekommt noch 1.-August-Fähnli. Zum Schwingen.

Jeder versucht in der Misere, sich selber zu helfen

Doch es will keine Heiterkeit aufkommen. Als stünde die Schlagzeile, dass der Bundesrat die Kohäsionsmilliarde wieder in die ärmeren EU-Staaten schicken will, als Leuchtschrift über der Bühne. Eineinhalb Stunden hört man kaum einen Mucks aus den voll besetzten Reihen. Dafür umso schrillere Töne von den Schauspielern. Die geben alles, sind präsent, wendig, als Figuren umwerfend. Ein Feld aus Erde und zwei runde Podeste. (Ausstattung: Clarissa Herbst). An die Rückwand der Bühne wird eine vierspurige Strasse mit Autoverkehr projiziert. Davor eine Leitplanke, über die manchmal Beine baumeln, wenn sie nicht gerade von Bäumen hängen. Zwei Stützsäulen sind in Rinde gekleidet, ein dritter Stamm wird gegen Ende des Stücks wurzellos zu Boden sausen. Symbolisch für die Heimatlosigkeit der Seelen um ihn herum. Da ist die arbeitslose Júlia, die an einer Tankstelle nahe der ungarischen Landesgrenze – es könnte manche andere Grenze sein – ihrem privaten Notstand abzuhelfen versucht: Diana Dengler nimmt in Polizeiuniform den Passierenden ab, was verwertbar ist. Beim jungen Mann (Tobias Graupner) in weissen Strumpfhosen und filzigem Mozart-Perückerl, weil er ennet der Grenze als Statist die Leute ins Theater locken soll, wäre das ein Päckchen mit Drogen. Doch das findet Júlia nicht, obwohl sie ihm behandschuht in den Allerheiligsten greift. Jessica Cuna als ­namenloses, herumlungerndes Mädchen will das Päckchen verscherbeln und träumt vom Filmen.

Júlia wird den Handschuh später in den Topf mit der «Weltsuppe» werfen, welche ihr Mann Adam (Bruno Riedl) zu Hause köchelt. Anja Tobler als Sára singt mit ihm im Kirchenchor und will auch sonst hoch hinaus. Marcus Schäfer mimt den Lastwagenfahrer Mózes und am Ende noch die Eurovisions-Wurst.

Zuviel Radau schleift dem Stück die Krallen.

Ein Setting, von der Regisseurin Sabine Harbeke in schauspielerische Hochform gepfiffen. Dennoch entweicht der Glut im spöttisch-klugen Stoff der Presnjakows szenisch bloss ein Räuchlein. Es kommt kein Feuer unter den Suppentopf um geprellte, desillusionierte Menschen in schmierfinkig regierten Staaten. Die Persiflage im Schurkenmilieu wird mit allzu vielen bemühten Gags ausgepolstert. Wenn Júlia sich aus ihren Wickelkleidern wie eine Zwiebel schält, könnten einem zwar die Augen brennen ob dem wunderlichen Weltzirkus. Aber eine «politische Haltung», wie Harbeke dies im Vorfeld für sich reklamierte, ist schwer auszumachen.

Weitere Vorstellungen unter:

www.theatersg.ch