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THEATER-SKANDAL: Macht PR das bessere Theater?

Eine groteske Überhöhung plättet im Theater Konstanz George Taboris bitterschwarze Hitler-Farce «Mein Kampf». Wegen der grossen Aufregung im Vorfeld wird die Inszenierung aber zu einem Lehrstück der Wechselwirkung von Politik und Kunst.
Tobias Gerosa
Der Jude Shlomo Herzl wird als Jesus-Christus aufgehängt, Hitler erschossen, und am Schluss regnet es in der Konstanzer Inszenierung Hakenkreuze und Davidsterne. (Bild: Ilja Mess)

Der Jude Shlomo Herzl wird als Jesus-Christus aufgehängt, Hitler erschossen, und am Schluss regnet es in der Konstanzer Inszenierung Hakenkreuze und Davidsterne. (Bild: Ilja Mess)

Tobias Gerosa

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Wie viele Fernsehteams waren das, am Freitag vor dem Foyer des Theaters Konstanz? Der Bürgermeister war medienwirksam da (vor, nicht im Theater!), um nochmals zu erklären, dass er die PR verteile. Drinnen wurden alle Taschen kontrolliert, Männer mit Knopf im Ohr beobachteten die Premierengäste und vor der Tür markierte die Polizei Präsenz. Ihre Aufgabe beschränkte sich dann aber darauf, den Radweg frei zu halten. An der Kasse standen Leute, die reinwollten, aber keine Karten mehr bekamen, Schlange. Ein Kameramann filmt und hofft darauf, dass jemand eine Armbinde mit einem Davidstern oder einem Hakenkreuz entgegennimmt. Fehlanzeige. Bei so vielen Kameras, wer möchte sich da schon mit einem Nazisymbol zeigen, nur um einige Euro für das Ticket zu sparen?

Ein Theater ums Theater, wie es das beschauliche Konstanz wohl noch nicht oft gesehen hat. Der Lärm und die Aufmerksamkeit vor der Premiere waren enorm. Regisseur Serdar Somuncu, der jahrelang mit einer Lesung aus Hitlers «Mein Kampf» aufgetreten war, aktualisiert das Stück mit Trump und Flüchtlingen. Wird es damit bissiger, hat die PR-Lawine eine künstlerische Entsprechung?

Schlägerhorde stürmt den Zuschauerraum

Die grösste Aufregung bietet im Theater Konstanz das Stück selbst, es hat auch gut 30 Jahre nach der Uraufführung sein Verstörungs- und Provokationspotenzial nicht verloren. Der Abend startet gut. Über Lautsprecher gibt die «Tagesschau» aktuelle Meldungen durch, dazu rattern rasch geschnittene Videoschnipsel: Rechtspopulisten von heute, Comic-Nazis und Flüchtlingstrecks. Als sich der Vorhang hebt, markieren Würstelstand und Tabak-Trafik unübersehbar ein Bilderbuch-Österreich, die Schlägerhorde, die dann den Zuschauerraum stürmt, brüllt ihre Nazi-Parolen und «Wir sind das Volk!» oder «Lügenpresse». Sie tauchen – dann wie im Stück vorgesehen – am Schluss nochmals auf, äusserlich harmloser, aber mindestens so brutal. Somuncus Absicht ist klar: Vor 80 Jahren Hitler, heute seine Nachfolger. Die treten dann auch auf, als Trump, Fraucke Petry, mit brachialem Schweizer Akzent, oder als Theresa May – eine seltsame Parade, zu der sich auch noch ein Helene-Fischer-Playback mit Gummipenis gesellt.

Auch der Text wird aktualisiert. Warum auch nicht, es geht um Anspielungen und Wortspiele, wenn der total unbegabte Maler Hitler im Männerasyl vom Juden Shlomo Herzl zu dem gemacht wird, was er statt Künstler wurde. Dieser Hitler ist bei Peter Posniak ein erzkomödiantisch verklemmtes und verstopftes Würstchen, das aber den jüdischen Wortwitz des Stückes und die Figur Lobkowitz’ ziemlich radikal an den Rand drängt. So liegt es nicht an Tomas Fritz Jung als Shlomo, dass seine eigentlich zentralere Figur um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Lobkowitz als Trump zu zeigen und Gretchen als barbusige Frauke Petry bleiben äusserliche Effekte.

Die Schlusspointe ist schlicht hilflos

Mit der Handlung des Stücks geht die Regie bald relativ frei um. Erst gebiert Gretchen ein Kind, das dann an die Stelle von Shlomos Haushuhn tritt. Mit rechtspopulistischen und rassistischen Phrasen wird es geschlachtet, um von Shlomo die Herausgabe seines Buches zu erpressen. Die Schlusspointe dann ist nicht in Ansätzen so klug wie das bittere Stückende im Original, bei der Darstellung der Frau Tod und damit Taboris Spiel mit Klischees und Traditionen sogar schlicht hilflos. Wenn das Saallicht angeht, und Hitlers Gefolgschaft im Zuschauerraum zählen will, «wie viele wir denn schon sind», zeigt sich die Inszenierung auch als nicht fertig: Offenbar wären da die angedrohten, aber vor der Premiere wieder gestrichenen Hakenkreuzbinden als Freikarten ins Spiel gekommen. Sie und die Davidsterne, welche die zahlenden Besucher hätten tragen sollen, regnen nur noch von der Decke.

Einen kleinen Eclat hat es dann aber doch noch gegeben. Während der Vorstellung haben einige Zuschauer den Raum verlassen, als typische Texte von Neonazis über Auschwitz vorgetragen wurden: «Die haben es doch eigentlich ganz gut gehabt in ihrem KZ.» Das Theater Konstanz wagt mit dieser Premiere an Hitlers Geburtstag viel, in Zeiten, wo Abgrenzung und Fremdenfeindlichkeit wieder offizielle Politik werden. An der Fassade hängt ein Transparent zu Gunsten eingesperrter türkischer Schriftsteller. Mit «Mein Kampf» wollte man den Rechtsradika­lismus thematisieren. Was ist gegen ein Theater zu sagen, das sich einmischen und Diskus­sionen anregen will und das auch bekannt macht? Nur müsste dann das künstlerische Resultat auch auf demselben Niveau erfolgen.

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