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THEATER: Schneewittchen auf Speed

Herbert Fritsch inszeniert «Grimmige Märchen» im Zürcher Schauspielhaus: Irrwitzig, brutal, furchterregend und grauenhaft komisch.
Valeria Heintges
Aus dem Schuh wird ein Smartphone und aus Grimms Märchen eine irrwitzige und brutale Märchenstunde. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Aus dem Schuh wird ein Smartphone und aus Grimms Märchen eine irrwitzige und brutale Märchenstunde. (Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie)

Valeria Heintges

focus@tagblatt.ch

Zwischen «Es war einmal» und «Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute» passt in den Märchen der Gebrüder Grimm die ganze Welt. Und die ist grausam, brutal, pervers. Splatterfilme sind gar nichts dagegen. Glauben Sie nicht? Dann kennen Sie die Märchen nicht. Nachhilfe erteilt seit Freitagabend Herbert Fritsch im Zürcher Schauspielhaus, wo seine «Grimmigen Märchen» Premiere feierten.

Zwar kann grösser und anmächeliger ein Kissen gar nicht sein als das, das sich der Regisseur für seine Bühne selbst erdacht hat. Aber es beherrscht das Geschehen so sehr, dass sich all die Prinzen, Zauberer, Könige, Prinzessinnen und selbst Rotkäppchen und Rapunzel am oberen Rand den Kopf stossen.

Tote Augen und irre Kostüme

Auf diesem steinharten Kissen gibt es eine Märchenstunde der besonderen Art. Mit Schauspielern in abstrusen, absonderlichen Kostümen und mit Kontakt­linsen, die Augen ersterben und Menschen einäugig werden lassen (Kostüme Victoria Behr). Mit Perücken, die das rote Käppchen turmhoch über dem Kopf schweben lassen und in die Rapunzel seine ganze Haarpracht aufgewickelt hat. Auch König Drosselbart ist da, mit riesigem Mühlstein­kragen, auf dem er seine roten Haupt- und Barthaare drapieren kann. Und die Prinzessin im Kleid und mit Puffärmeln, dass es aussieht, als käme sie gerade aus ebendiesem Barock-Puff. Diese Wesen turnen nun auf dem Kissen herum – das mit Trampolin und überbordender Fantasie in neue Welten katapultiert. ­Welten, in denen Menschen klappern wie Maschinen, wippen wie ­Marionetten und erbeben wie Wackelpudding. Welten, in denen Brüderchen Eins Brüderchen Zwei ersticht, Mutter in Wut Brüderchen Eins das Messer in den Hals rammt und Brüderchen Drei erhängt und Vater auch nicht mit dem Leben davonkommt. Welten, in denen Maria (!) dem Mädchen dreizehn Schlüssel hinterlässt und den letzten verbietet und – als es den doch benutzt – es auf dem Scheiterhaufen verbrennen will, den Schneewittchen ­anzünden soll. Ja, die Menschen sind böse, vor allem die Eltern, aber auch die Kinder so widerborstig, dass sie noch im Tode die Ärmchen aus dem Grabe stecken (Vorlage für eine bitterböse Nazi-Parodie).

60 Märchen durch den Fleischwolf gedreht

Fritsch zeigt nicht ein Märchen, sondern etwa 60. Darunter blitzen die bekannten nur in Andeutungen vor, während die unbekannten in den Schnelldurchlauf und den Fleischwolf geschickt und miteinander verwurstet werden. Irrwitzig und körperbetont hat Fritsch das inszeniert; sein Ensemble spielt enthusiastisch als wäre es auf Speed. Florian Anderer, einziger Gast im Ensemble und in Fritsch-Werken im Dauereinsatz, wirkt zuweilen, als hätte er seine Knochen gegen Gummi eingetauscht und seine Mimik bei Harpo Marx geliehen. Schlicht grossartig auch Markus Scheumann. Ihm gebührt die Ehre, den Abend mit einem Ruck wiederzubeleben, als der zwischendurch in der Wiederholungsschleife hängt und im märchen- und grauenhaften Einerlei zu ersticken droht. Als Schneewittchen-Verschnitt verwandelt Scheumann seinen Schuh in ein Smartphone und lässt sich in einer famosen Improvisation minutenlang in ein Telefongespräch verwickeln. Da ist Fritsch voll in seinem Element, für das ihn Fans lieben und vergöttern: im untrennbaren Mix aus Ernst und Nonsens, hoch­karätigster Schauspielkunst und niederschwelligem Jux. Mit Einfällen zum Niederknien schön.

Grimmige Märchen

Pfauen Zürich, noch bis 3. Juni

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