THEATER
Rezepte für ein freies Leben: Eine Feministin backt Hefeteigkuchen im Theaterfoyer

Ist Backen ein feministischer Akt? Die Schauspielerin und bildende Künstlerin Ilknur Bahadir findet, oh ja! Und hat über ihre Leidenschaft fürs Zürcher Theater Neumarkt einen Film gedreht.

Julia Stephan
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Die Schauspielerin Ilknur Bahadir backt am liebsten Hefeteig.

Die Schauspielerin Ilknur Bahadir backt am liebsten Hefeteig.

Bild: Lisa Böffgen

Was die Schauspielerin, Regisseurin und bildende Künstlerin Ilknur Bahadir künstlerisch anpackt, rührt am Kern ihrer verlorenen Kindheit. Egal, ob sie mit Inseraten für ein Casting wirbt, in dem sie neue Eltern sucht, oder sich wie gerade erst fürs Zürcher Theater Neumarkt beim Backen filmen lässt. «Ignurs Leckerei» ist jedoch mehr als ein filmisches Erzeugnis. Es ist eine sinnliche Angelegenheit. Die Schauspielerin derzeit steht an jedem Werktag in der provisorisch eingerichteten Backstube im Theaterfoyer und backt Penisse aus Hefeteig, welche die Konsumenten ihres Backfilms abholen und auf der Couch zu Hause ofenwarm verspeisen können.

Ilknur Bahadir ist seit Jahren besessen von Phallussymbolen. Auf ihrem Instagram-Account findet man Bilder von dreckigem Schneematsch, der phallische Umrisse zeichnet. Von Penis-Studien auf Papier, so unschuldig hingekritzelt wie Kinderzeichnungen, phallisches Süssgebäck, T-Shirts, kultische Holzobjekte aus Bali. Auch mit Kinderback-Knete formt Bahadir ihr Lieblingsobjekt nach. Letzten Sommer malte sie für die Performance «Dick & Draw» am Neumarkt-Theater in einem Glaskasten den Unterleib zweier männlicher Models. Die Zuschauer standen staunend davor.

Bahadir sagt es ironiefrei frei heraus: «Ich liebe Penisse.» Mit ihrer Leidenschaft stösst sie bei Feministinnen nicht nur auf Gegenliebe. Jahrzehntelang haben Frauen gegen das ihrer Ansicht nach Macht und Unterdrückung symbolisierende Phallussymbol gekämpft. Am Frauenstreik wurden Vulvaplakate in die Luft gehoben. Die Peniskünstler, denen Bahadir im Netz folgt, sind alle männlich. Sie sagt:

«Feministin zu sein, bedeutet für mich, den Mann auch sexualisieren zu dürfen.»

Und sieht sich in der Tradition von Autorinnen wie Leila Slimani oder Lady Bitch Ray, die ihr Begehren aggressiv artikulieren. Beide haben wie sie orientalische Wurzeln.

Wenn die Familie zum Gefängnis wird

Zu dieser Obsession muss man wissen, dass Bahadir in den ersten 18 Jahren ihres Lebens keinen anderen nackten Körper gesehen hat als ihren eigenen. Die Tochter iranisch-türkischer Einwanderer wuchs in Bayern auf wenigen Quadratmeter Entfaltungsraum auf, den ihre Eltern so streng und brutal abzirkelten wie im Backvideo beschrieben: Zuhause – Schule – Supermarkt. Zwischen sechs bis achtzehn Jahren bestand ihr Leben aus Haushaltsführung, Schule und Lernen. Keine Freunde, keine Abenteuer gestand man dem Mädchen zu, das die Familie hätte entehren können. Fünf Jugendbücher und einmal pro Woche die Hitparade auf Bayern 3 waren alles, was man ihr an Weltflucht zugestand. Doch die kleine Ilknur durfte backen. So viel sie wollte. Weil man sie da im Blick hatte. Weil die Mutter gerne Süsses in sich reinschaufelte («Lob für mich») oder Kuchen an die Nachbarn verteilte («Auch das war für mich wie indirektes Lob»). Die auf Backpulver- oder Vanillezuckertüten aus dem Supermarkt abgedruckten Rezepte waren für sie wie Verheissungen aus einer anderen Welt.

Ilknur Bahadir beim Videodreh: Backen ist für sie eine Überlebensstrategie.

Ilknur Bahadir beim Videodreh: Backen ist für sie eine Überlebensstrategie.

Bild: Alain Szerdahelyi

Bahadir nimmt einen in ihrem Video auf eine Reise in die kindliche Heile-Welt-Backstube von damals, die – das zeigen die eingeblendeten Kinderzeichnungen von häuslicher Gewalt – ein Konstrukt ihrer Fantasie ist. Wie überlebt man so was? Indem man die ausgehungerten Stellen seiner Seele mit Fantasie nährt. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler löchert sie mit Fragen: «Was hast du am Wochenende gemacht?» «Mit wem warst du unterwegs?» «Was hattest du dabei an?» «All die Antworten auf meine Fragen waren meine Lebensmittel», sagt Bahadir im Video, während sie den Hefeteig mit den Fingern streichelt. Weil er lebt. Weil er Zuwendung braucht. Weil er sensibel behandelt werden möchte wie sie selbst. «Erotisch ist Backen für mich insofern, dass es extrem wohltuend und erfüllend ist», sagt die Künstlerin. Hefeteig, den sie besonders liebt, habe die Besonderheit, dass man ihn im Gegensatz zu Rührteig berühren und sehr speziell mit ihm umgehen müsse. Eine Sinnlichkeit, welche die Videoarbeit von Lisa Böffgen in Zeitlupe transportiert, wenn Bahadirs Hände meditativ und routiniert durch den Teig fahren.

Eine sanfte Rebellion

Nicht nur ein Stück Literatur kann einen Menschen befreien, auch mit Backen nach Rezept formt man sich eine Zukunft. Bahadir hat sich so manche Backware kulturell angeeignet: Schweizer Apfelküchlein, Holländer Kirschtorte, Faschingskrapfen. Sie kämpfte damit um die Liebe ihres Vaters. Sie erkämpfte sich damit ein Stück Autonomie bei der Mutter, die ihr Extrageld für Zutaten zuschob. Eine Freundin schenkte ihr ein Heft, in das sie ihre Rezept-Trophäen einklebte.

Gerade wegen der mit persönlichen Dokumenten unterfütterten Authentizität gewinnt das zwanzigminütige Video eine unglaubliche Dringlichkeit. Die in Zeitlupe aufgenommenen meditativen Handgriffe wirken wie eine sanfte Rebellion, in der sich der Hunger nach nicht erwiderter Liebe im erotischen Akt des Backens manifestiert.

Als Ilknur Bahadir erfuhr, dass man mit 18 Jahren in Deutschland ein freier Mensch ist, floh sie mit Hilfe von Freunden. Von ihrer Familie wurde sie verstossen. An der Otto-Falckenberg-Schule in München lernte sie das, was sie ihre ganze Kindheit geübt hatte, als ihre Profession: sich in die Leben anderer Menschen zu denken. Sie wurde Schauspielerin, arbeitete am Gorki Theater in Berlin, am Theater Basel, am Schauspiel Köln. Lebt heute in Basel. Und backt immer noch jede Woche zweimal Kuchen.

«Ilknurs Leckerei». Bis 26.2. als Video auf der Website des Zürcher Theater Neumarkt. Das im Ticketpreis inbegriffene Hefeteiggebäck kann täglich zwischen 12 bis 15 Uhr an der Theaterkasse abgeholt werden. Der ihm beiligende QR-Code führt direkt zum Stream. Wer den Link zum Film direkt beziehen möchte, meldet sich über tickets@theaterneumarkt.ch www.theaterneumarkt.ch.